Nicht einfach vergeben

Kirche und Missbrauch: Der Pobershauer Pfarrer Burkhard Wagner hat sexuelle Missbrauchsfälle aufgearbeitet und wechselt nun die Stelle. Ein Gespräch über den Umgang mit Missbrauch, Vergebung und Grenzen des Leistbaren.
Uwe Naumann
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Kein Spaziergang: Pfarrer Burkhard Wagner hat im erzgebirgischen Pobershau mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch aufgearbeitet. Zwar liegen die Taten über 20 Jahre zurück, aber er kritisiert den Ruf und den Druck zur Vergebung. Um den Weg freizumachen für eine unabhängige Aufarbeitungskommission und einen Neustart in der Gemeinde, wechselt der Pfarrer die Stelle und zieht nun mit seiner Familie nach Adorf im Vogtland. © Jan Görner

Herr Wagner, waren Sie froh, als die Presse die Missbrauchsfälle öffentlich bekannt gemacht hat?
Burkhard Wagner:
Es war erstaunlich, dass viele es noch gar nicht wussten. Dabei hatten wir es in der Gemeinde längst öffentlich gemacht. Manch einer scheint jetzt aufgewacht zu sein, dass wirklich etwas vorgefallen ist. Auch da der Bischof sich vorn anstellt und sagt, wir müssen aufarbeiten.

Sie haben den Täter mit den Vorwürfen konfrontiert, haben ihm gekündigt, ihm aber nicht die konkreten Aussagen der Opfer vorgelegt. Damit konnte er seine Sicht der Dinge nicht darlegen. Warum sind Sie so vorgegangen?
Dieser Weg ist mit den Beratungsstellen so abgesprochen und zusammen mit dem Superintendenten entschieden worden. Sonst besteht die Gefahr, dass der Täter, der engagiert und hoch angesehen ist in der Gemeinde, die Vorwürfe abstreitet, sich nicht oder anders erinnert. Für uns war klar: Wir können den Betroffenen aus gutem Grund glauben. Wenn man mit den Reaktionen des Täters wieder zu den Betroffenen zurückgeht, riskiert man ihre weitere Traumatisierung. Unser Vorgehen ist uns massiv vorgeworfen worden, weil man aus christlicher Haltung heraus anders handelt.

Nämlich wie?
In Matthäus 18 steht: Wenn ein Bruder an dir schuldig wird, dann gehe hin und rede mit ihm. Doch in diesem Fall, wo es um Straftaten geht, um verletzte Seelen, kann das gar nicht greifen. Vor 20 Jahren ist so vorgegangen worden, aber das war damals für die Mädchen schlimm. Die Sensibilität, wie man mit Betroffenen umgeht, war und ist auch heute nicht da. Das betrifft auch das Thema Vergebung, was von den Menschen schnell eingefordert wird: Ihr müsst doch mal vergeben, es ist doch schon lange her.

Die Taten liegen über 20 Jahre zurück. Und die Opfer wurden damals wie heute um Vergebung gebeten.
Bei dem Gespräch Ende der 90er Jahre saßen die Betroffenen eingeschüchtert dem Täter gegenüber und sollten ihm vergeben – übrigens wurde auch jetzt wieder versucht, sie unter Druck zu setzen. Aber die jugendlichen Opfer konnten ihm damals nicht vergeben, weil sie gar nicht verstanden hatten, was ihnen passiert war. Erst nach Jahren haben sie gemerkt, wie sehr die Ereignisse sie beeinflussen. Klar stehen die 20 Jahre im Raum. Aber die Betroffenen haben erst jetzt, endlich, die Gelegenheit, es aufzuarbeiten. Sie hatten jetzt den Mut zu reden.

Was heißt das für den Prozess der Vergebung?
Ich beobachte manchmal, dass man damit ziemlich schnell fertig ist. Ich befürchte, dass Kirche durch den Umgang mit allgemeiner Beichte und Absolution dafür einen gewissen Hintergrund geschaffen hat. Dass aber Vergebungsprozesse Jahre dauern können, dass Geschädigte mal ihre ganze Wut rauslassen und ihren Schmerz zulassen können, das ist überhaupt nicht im Blick. Da will man ganz schnell den Deckel drauf machen. Mir scheint die Rede von der Vergebung eine Chiffre zu sein dafür, dass wir nicht mehr darüber reden wollen. Aber das ist ein völlig verzerrtes Bild von Vergebung.

Dann entzerren Sie es bitte.
Vor dem Hintergrund eines solchen Falles müssen wir über Beichte und Vergebung im gottesdienstlichen wie im gemeindlichen Kontext neu nachdenken. Wir reden hier von Straftaten, wo Menschen tiefe Wunden zugefügt wurden. Wir müssen es aushalten, dass der Vergebung ein langer Heilungsprozess vorausgehen kann. Wir müssen es aushalten, dass Menschen möglicherweise über einen langen Zeitraum nicht vergeben können.

Haben Sie dafür einen biblischen Vergleich?
Mir war immer Johannes 20 wichtig. Dort sagt Jesus: Wem ihr die Sünden behaltet, dem sind sie behalten. Es muss also einen Grund dafür geben, warum ich jemandem seine Sünden behalte. Andernfalls wäre es, mit Bonhoeffer gesprochen, als gieße ich einfach die Soße der billigen Gnade über alles. Dann wäre es völlig egal, ob jemand tatsächlich eine Schuldeinsicht hat, Reue zeigt und Verantwortung für seine Taten übernimmt oder nicht.

Beichte allein reicht also nicht?
Das wird vor dem Hintergrund von Missbrauch oft zu kurz gedacht. Man sagt, er war doch in der Beichte und da ist ihm vergeben worden und da muss jetzt auch gut sein. Nein. Ein Täter muss auch erkennen, dass er für die Folgen seiner Taten die Verantwortung trägt. Das heißt unter anderen auch für sich selbst die Dinge aufzuarbeiten und sich zu fragen, wie es zu diesen Taten kommen konnte.

Die Gemeinde hat sich über den Umgang mit den Missbrauchsfällen gespalten. Wie ist das auszuhalten?
Diese Spaltung kommt zustande, wenn ein Täter so hoch angesehen ist. Wenn öffentlich wird, dass er so etwas gemacht hat, dann gibt es Menschen, die das verdrängen und nicht glauben wollen. Es müssen andere schuld sein – und das sind dann die, die es aufgedeckt haben. Solange Menschen in einem Verdrängungsmodus laufen, so lange werden sich Leute aus der Gemeinde verabschieden und es wird keinen Frieden geben. Die persönlichen Beziehungen sind gestört. Aber wir können Missbrauchsopfer nicht im Regen stehen lassen, nur damit wir Ruhe in der Gemeinde haben.

Sie sind nicht mehr für die ganze Gemeinde Seelsorger. Können Sie sich das als Gemeindepfarrer leisten?
Ich möchte sagen: Man muss es sich leider leisten. Ich kann nicht für jemanden Seelsorger sein, für den ich der Schuldige bin an dem, was jetzt hier herausgekommen ist. Andererseits ergibt es sich zwangsläufig durch die Spaltung. Wenn ich als Pfarrer mit den Opfern rede und ihnen glaube, dann habe ich mich positioniert. Und deshalb kann ich nicht gleichzeitig für den Täter und seine engste Familie da sein. Da komme ich in einen massiven Loyalitätskonflikt, verliere vielleicht das Vertrauen der Betroffenen. Ich weiß, dass das mit dem klassischen Pfarrerbild kollidiert.

Hätten Sie die erste Aufarbeitung nicht einer anderen Person überlassen können?
Nein. Wir waren gezwungen, das hier zunächst vor Ort zu stemmen, freilich in enger Abstimmung mit dem Superintendenten und den Beratungsstellen. Wenn die Landeskirche jetzt daraus lernt, dass man das künftig anders macht, dann haben wir etwas erreicht, auch wenn das sehr, sehr schmerzlich war.

Wie konnten Sie selbst mit der Situation umgehen?
Zwei Seelsorger haben mich begleitet und ich hatte professionelle Beratung. Ich bin auch mal zehn Tage in die Stille verschwunden: Bibellesen, einfach schweigen. Da war es ganz, ganz hart an der Grenze für mich. Getragen haben mich Leute aus der Gemeinde mit einem klaren Kopf. Auch dass der Kirchenvorstand klar stand und es zu keiner Spaltung kam, war eine große Hilfe. Wir konnten die Situation in einem Gebetskreis geistlich begleiten. Das war eine große Kraftquelle.
Was mich ermutigt hat, war der Kontakt zu den Betroffenen und ihren Eltern, mit ihnen Schmerz zu teilen und unterwegs zu sein. Ich habe eine große Dankbarkeit gespürt, auch wenn es für sie unglaublich schwer war. Für mich war Ansporn, dass den Betroffenen Gerechtigkeit widerfährt. Bei ihnen war auch Vertrauen gegenüber Kirche zerschlagen worden. Vielleicht konnte ich da etwas zurückgewinnen.

Und trotzdem gehen Sie jetzt weg?
Die Rolle dessen, der aufdeckt und ans Licht bringt, macht es, wenn überhaupt, dann nur sehr schwer möglich, gleichzeitig die Rolle dessen einzunehmen, der die Gemeinde in Richtung eines Heilungsprozesses führt, der die Gemeinde in Freiheit mit anderen zusammen weiterbaut. Aus dem Grund möchte ich den Weg frei machen für einen Neustart, sowohl für die Gemeinde als auch für mich und meine Familie.

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