Auferstehung ist nichts fürs Denken

Drei Frauen am Ostermorgen: Die eine trägt ihr totes Kind im Herzen, die andere predigt von Auferstehung – die dritte zweifelt.
Christian Lehnert
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© ricardoreitmeyer - Fotolia.com © Christian Lehnert

Früh am Ostermorgen, drei Frauen gehen aus der Stadt nach Osten in die Dämmerung. Es liegen noch Reste von Schnee an der Straßenböschung. Vor ihnen ein Friedhof.

Trauernde: Ich sehe sie nach Jahren immer noch vor mir, sie verschwindet nicht. Ein bestimmtes Licht, ein Knacken im Unterholz im Wald oder auch eine Kinderstimme – ja, und sie ist plötzlich ganz nah. Es gibt eine Brücke in die Welt der Toten, darauf wandelt sie und tritt immer wieder in mein Leben. Das ist nicht nur meine Einbildung … Aber dann frage ich mich: Darf ich so glauben?

Seelsorgerin: Wie sollte denn bei Gott nichts von unseren Toten geblieben sein? Natürlich müssen Sie so glauben.

Zweifelnde: Glauben darf man alles – nur ob es trägt. Was soll das denn sein, was da geblieben ist? Erinnerungen, ja. Aber sonst? Eine unsterbliche Seele?

Seelsorgerin: Was bringt es, so zu fragen? Auch wenn nichts geblieben ist – so ist doch Gott da, und das heißt: Alles ist möglich.

Zweifelnde: Seien wir doch ehrlich: Mit dem Tod stirbt alles. Identität und Wesen, Denken und Fühlen und Meinen, ja auch der Glauben stirbt doch, wenn das Hirn tot ist. Sie reden sich das nur schön! Man soll mutig den Tod akzeptieren. Dann nur liebe ich das Leben. Hören Sie die Amseln im Laub? Sie leben ohne Erinnerung. Jede Minute ist ihnen Tod und Anfang. Da gibt es kein Vorher und kein Nachher, nur Jetzt. Das ist Ostern! Nicht das Gerede von einem Jenseits!

Trauernde: Leere, eine hämmernde Leere. Jetzt. Wo sie in allem so fehlt …

Sie schweigen, und die Zweifelnde schreitet voran.

Seelsorgerin: Nichts bleibt … Ja, oft machen wir Christen es uns zu leicht. Als gäbe es irgendeine Gewißheit über den Tod hinaus, eine sanfte Durchdringung dieser und der kommenden Welt. »Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt«, sagt Paulus. Zwischen Keimling und Saat liegt der Todesriß, unüberbrückbar. Aber Gott hat uns doch aus dem Nichts geschaffen. Kann er uns nicht auch aus dem Tod rufen – wie die Welt am Anfang? Das Geheimnis Gottes ist mehr als der Tod …

Trauernde: Mehr sagen Sie nicht? Nur: ein Geheimnis? Meine Tochter hatte blonde Haare, und wenn sie lachte, dann runzelte sie immer die Stirn. Manchmal, wenn das Morgenlicht auf die Rinde der Birken fällt, denke ich daran … Kein Geheimnis ist das, sondern ganz wirklich.

Zweifelnde (wendet sich spöttisch zur Pfarrerin um): Sie gehören also zu den Menschen, die heute immer noch glauben, man hätte einem mysteriös »Auferstandenen« wirklich die Finger in die Seitenwunde legen können?

Seelsorgerin: Natürlich. Nur eben nicht: man. Was die Bibel da erzählt, ist anders wahr als ein beliebiger Fakt, der für jeden plausibel ist. Es ist wahr wie eine Liebe wahr ist. Viel tiefer reicht das, als alles, was ich wissen kann. Ich glaube und erfahre Gott und suche ihn immer wieder, und darin wird wahr, was ich als Pfarrerin am Grab sage: »Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit.«

Zweifelnde: Und woher haben Sie die Sicherheit, dass Sie sich das nicht nur einreden? Wahr ist das ja nur in Ihnen selbst, in Ihren wetterwindigen Gefühlen, Ihren Ansichten …

Seelsorgerin: Wer erwartet hier Sicherheit? In Gott ist keine Sicherheit, er übersteigt alles, was wir fassen können, unendlich, unverfügbar … auch in seiner Liebe. Mit »Sicherheit« ist man hier auf dem falschen Pfad. Ein früher Theologe, Tertullian, sagte einmal: Das Sterben des Gottessohnes sei glaubhaft, weil es ungereimt ist, seine Auferstehung gewiss, weil sie unmöglich ist. Auferstehung ist nichts für das Denken.

Trauernde: Sie sagen am Grab »auferstehen in Herrlichkeit« … Seltsam fern klingt das …

Seelsorgerin: Auch das ist von Paulus. »Herrlichkeit« – auf Griechisch heißt das: doxa. Das meint den Lichtglanz der Gottheit, sein Erscheinen. Lichteinstrahlung, die blendet. Was sieht man da? Nichts. Nur die doxa – unmenschlich tröstende, unerklärlich bergende, grelle Fülle. »Herrlichkeit« – da ist alles in allem, Sichtbarkeit und Geheimnis, eins in Gott. Der Mensch, neugeschaffen aus dem Todesnichts, in Glanz und Kraft ...

Früh am Ostermorgen … Da sind gar keine drei Frauen. Aber es ist hell geworden, und die Felder vor der Stadt liegen in einem milderen Licht.

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