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Versunkene Leuchtfeuer

Ein neues Pfingstwunder blieb aus: Wachsen gegen den Trend sollte die evangelische Kirche mit ihrem Impulspapier »Kirche der Freiheit« – acht Jahre später schrumpft sie weiter. Außer Thesen nichts gewesen?
Andreas Roth
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Das Ziel war zackig formuliert: »Die Evangelische Kirche in Deutschland will ein Wachstum gegen den Trend initiieren.« Dann wurde mit Schlagwörtern nachgekartet: Profilierung, Schwerpunktsetzung, Beweglichkeit, Außenorientierung! Die damaligen EKD-Vordenker um den Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber wollten 2006 mit ihrer Kirche etwas tun, was Bahn und der Telekom schon vorher gelungen war: Die Verwandlung von einer Behörde in ein schnittiges Schnellboot auf liberaler See. Sie nannten es »Kirche der Freiheit«. Wachsen gegen den Trend? Seitdem hat Sachsens Landeskirche weit über 70 000 Mitglieder verloren.

Es wäre leicht, das Impulspapier mit all seinem Manager-Optimismus der Vor-Finanzkrisen-Ära zu zerpflücken. Aber so einfach ist es nicht. Bei allen Widerständen, die es im Milieu der evangelischen Geschwisterlichkeit auch in Sachsen erfuhr, hat es unter der Haut der Kirche hierzulande doch einiges in Bewegung gebracht oder verstärkt.

»Kirche der Freiheit« wollte das Priestertum aller Getauften stärken  – in Sachsen stärkte man Ehrenamtliche mit Ausbildungen und Handreichungen, die Zahl der Prädikanten stieg seit 2006 von 132 auf 196. »Kirche der Freiheit« wollte mehr große Kampagnen – die Lutherdekade ist das wohlgenährte Kind dieser Idee, und auf die Großplakat-Werbung zum Tauf-Sonntag der sächsischen Landeskirche folgten allein im letzten Jahr 403 Taufen. »Kirche der Freiheit« wollte mehr christliche Bildung – die Landeskirche legte eine griffige Sammlung von christlichen Kerntexten und -liedern vor, steigerte die Zahl der evangelischen Schulen auf heute 54 und beteiligte sich an der Aktion »Erwachsen glauben«, um für Glaubenskurse zu werben.

Eine Kehrseite hinter den bunten Kampagnen: Hinter dem professionellen Auftritt von »Erwachsen glauben« fanden sich oft nur wenig mehr als ein Dutzend sächsischer Glaubenskurse. Der von »Kirche der Freiheit« geforderte Ausbau von Kirchgemeinden mit einem besonderen Profil wurde in Sachsen nur mit einem Modellprojekt in der Zwickauer Luthergemeinde erprobt. Erst recht stieß die Idee auf Widerstand, in jeder Region ein ausstrahlendes Zentrum des evangelischen Glaubens zu schaffen. Zu stark sind die Ängste in Gemeinden, dass ihnen im Gegenzug Geld, Nähe und Verwurzelung verloren gehen.

»Kirche der Freiheit« wollte sich an Zahlen messen lassen: Etwa an der Steigerung der Gottesdienstteilnehmer auf durchschnittlich zehn Prozent aller Mitglieder – die sächsische Landeskirche liegt mit einem Anteil von 7,3 Prozent immerhin seit Jahren deutschlandweit vorn, und er stieg sogar ganz leicht. Die Zahl der kirchlichen Trauungen und Gottesdienste zur Eheschließung sank dagegen – entgegen der Zielvorgabe – seit 2006 von 2383 auf 2266 sechs Jahre später. Auch die Summe der Taufen schmolz im selben Zeitraum von 7330 auf 6507.

»Diese Zahlen sind in der Tat eine Ernüchterung, die ich aber auch ganz heilsam finde«, sagt Oberlandeskirchenrat Peter Meis, im Landeskirchenamt für theologische Grundsatzfragen zuständig. »Die Kernfrage ist eigentlich eine theologische, und weniger eine demografische: Was bedeutet es, wenn das Evangelium hierzulande nicht wächst?«

Meis plädiert für eine demütige Kirche, die ihre offenen Fragen nicht mit Großkampagnen und Großereignissen zu übertünchen sucht. »Wir sind nicht geduldig genug.« Die Chance sieht der Theologe nicht in neuen Grundsatzpapieren, sondern im Kleinen: bei jeder einzelnen Christin und jedem einzelnen Christen, die ihren Glauben leben. Einfach, glaubhaft. Ohne den Hintergedanken der Bestandssicherung.

Mehr dazu lesen sie auf Seite 5.

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