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Liebe für die braunen Brüder

Wie die Landeskirche vor 70 Jahren ihr Nazi-Erbe aufarbeitete oder verdrängte, erzählt auch etwas über ihren Umgang mit Konflikten und Schuld – nicht nur damals.
Andreas Roth
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Amtseinführung mit Hitlerjungen: Der deutsch-christliche Landesbischof Friedrich Coch 1934 auf dem Weg zur Dresdner Frauenkirche. 1945 starb er in amerikanischer Gefangenschaft. © Ullstein Bild (Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl)

Im Mai 1945 war das Dresdner Landeskirchenamt zerstört. Eine Stunde Null aber gab es nicht. Die Nazis waren noch da, auch in der Kirche. In den Trümmern der Dresdner Zentrale nahm der von den Deutschen Christen verdrängte Konsistorialrat Erich Kotte das Steuer in die Hand und berief den von Dresdner Pfarrern neu gewählten Superintendenten Franz Lau als geistlichen Leiter der Landeskirche. Zwei Männer mit Wurzeln in der Bekennenden Kirche und Kritiker der Nazi-nahen Deutschen Christen (DC).

Doch wie mit dem braunen Erbe umgehen? Das Landeskirchenamt musste als öffentlich-rechtliche Körperschaft schnell dem Beispiel des Staates folgen und alle Verwaltungsbeamten und Angestellten entlassen, die schon vor 1933 NSDAP-Genossen oder hohe Funktionäre, Spitzel oder Mitglieder von SS und SA waren. Bei Pfarrern aber galten weichere Maßstäbe.

»Die Kirche muss kirchlich handeln«, schrieb Landessuperintendent Lau Mitte Juni 1945 seinen Pfarrern. »Und sie muss mit Liebe handeln. Es muss darauf ankommen, die DC-Brüder zurückzubringen in die kirchliche Gemeinschaft.« Nur als Pfarramtsleiter oder Superintendent sollten Deutsche Christen und NSDAP-Mitglieder umgehend zurücktreten.

Lau rief alle Kirchenbezirke auf, Vertrauenskreise aus unbelasteten Superintendenten, Pfarrern und Kirchenbeamten zu bilden, um über DC- und NSDAP-Theologen zu entscheiden.

Es ging vor allem um ein Kriterium: Wie stark haben sie mit ihrer Nähe zur NS-Ideologie die Verkündigung des Evangeliums verfälscht – und wollen sie sich wirklich ändern? Die Gräben des Kirchenkampfes zwischen Deutschen Christen, Bekennender Kirche und so genannter »Mitte« wollte die neue Kirchenleitung mit Brüderlichkeit überbrücken. Härte hatte es unter Hitler genug gegeben.

Doch Schuldbewusstsein entwickelten nur wenige Nazi-Pfarrer. »Wer hat 1933 nicht die Möglichkeit eines guten Aufbruches der Kirche gefühlt und auch ersehnt?«, schrieb etwa der Krei­schaer Pfarrer Karl Krause an Lau.

Um so empörter waren Mitglieder der Bekennenden Kirche. Es dürfe »doch auch nicht sein, dass eine arme kleine Stenotypistin ihre Stelle verliert, weil sie Parteimitglied war«, und ebenso belastete Geistliche dürften weiterarbeiten, schrieb die Leipzigerin Wally Ruland dem Landeskirchenamt. Der Wurzener Superintendent Magirius meinte: »Man scheint in der bekannten sächsischen Gemütlichkeit über die ernsten Fragen hinweggleiten zu wollen.«

Auf Druck von Sowjets und Landesverwaltung forderte das Landeskirchenamt im Oktober 1945 alle Pfarrer auf, eine Erklärung über ihre Stellung zum Nationalsozialismus abzugeben. »Die Säuberung geschah mehr oder weniger als Reaktion und nicht als Aktion«, stellt der Leipziger Kirchenhistoriker Markus Hein in seinem Buch über die Selbstreinigung der Pfarrerschaft fest. 71 Fälle von schwer belasteten Pfarrern gaben die regionalen Vertrauenskreise an zwei Ausschüsse des Landeskirchenamtes zur Beurteilung, andere waren zuvor in den Ruhestand gedrängt worden. 13 Superintendenten und 53 Pfarrer wurden Mitte November 1945 ihrer Ämtern enthoben – 16 von ihnen waren 1950 wieder im Dienst.

Das ganze Ausmaß der deutschen Schuld blitzte bei all dem nur hin und wieder auf. »Wir haben solche Zorngerichte des heiligen und gerechten Gottes wohl verdient«, schrieb das Leipziger Konsistorium im August 1945 an die Gemeinden. »Besonders das viele, arme Menschenblut, das vor und neben dem Krieg her durch deutsche Menschen vergossen wurde, schreit von der Erde zum Himmel und verklagt uns!« Meist aber schaute die Kirche nur in eine Richtung: nach innen.

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2 Lesermeinungen zu Liebe für die braunen Brüder
Lutz Schuster schreibt:
30. April 2015, 15:01

Lieber Herr Roth, ohne die Schuld zu verharmlosen, „… Schuldbewusstsein entwickelten nur wenige Nazi-Pfarrer“ sollte man es in der damaligen Zeit sehen. Es war die Zeit, wo Verschweigen und Vergebung auch für die schlimmsten Mörder herhalten muss.

Sagte nicht der große Theologe Karl Barth schon kurz nach dem 2. Weltkrieg, letztlich über die Nazis und brutalen SS-Soldaten:
„Her zu mir, ihr Unsympathischen, ihr bösen Hitlerbuben und -mädchen, ihr brutalen SS-Soldaten, ihr üblen Gestaposchurken, ihr traurigen Kompromissler und Kollaborationisten, ihr Herdenmenschen alle, die ihr nun so lange geduldig und dumm hinter eurem sogenannten Führer hergelaufen seid! Her zu mir, ihr Schuldigen und Mitschuldigen, denen nun widerfährt und widerfahren muss, was eure Taten wert sind! Her zu mir, ich kenne euch wohl; ich frage aber nicht, wer ihr seid und was ihr getan habt; ich sehe nur, dass ihr am Ende seid und wohl oder übel von vorne anfangen müsst; ich will euch erquicken, gerade mit euch will ich jetzt vom Nullpunkt her neu anfangen!“ "ich frage aber nicht, wer ihr seid und was ihr getan habt;"

Lutz Schuster

Lutz Schuster schreibt:
30. April 2015, 18:22

Herr Roth, natürlich ist das ein sehr, sehr guter Artikel, leider etwa zu kurz aber sehr interessant wie unsere Kirche vor 70 Jahren ihr Nazi-Erbe aufarbeitete oder verdrängte, in "Liebe für die braunen Brüder" und dass obwohl wir russische Besatzungszone waren.

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