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Sitzt das Leben im Gehirn?

Hört das Gehirn auf zu arbeiten, gilt der Menschen als tot – und seine Organe können für eine Spende entnommen werden. Doch biologisch und theologisch bleiben offene Fragen.
Andreas Roth
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Der Muskel krampft, Blutdruck und Herzfrequenz steigen – und das, obwohl das gesamte Gehirn nicht mehr arbeitet. Die Ärzte sehen es, während sie dem künstlich beatmeten Körper Organe entnehmen. Lebt der Mensch etwa noch? Nein, sagen Befürworter der Hirntod-Konzeption, die dem deutschen Transplantationsgesetz zugrunde liegt: Das seien nur ungesteuerte Reflexe des Rückenmarks – ohne Gehirn als Schaltzentrale des gesamten Körpers gebe es weder Bewusstsein noch Schmerz. Dann sei der Mensch tot.

Sieben der 25 Mitglieder des Deutschen Ethikrates aber sehen das anders. Unter ihnen der renommierte evangelische Ethikprofessor Peter Dabrock aus Erlangen, der Kasseler Bischof Martin Hein sowie die Vorsitzende des Ethikrates, die Medizinerin und Philosophin Christiane Woopen. Sie sagen: Organe leben auch ohne eine zentrale Steuerung durch das Gehirn.

Sie verweisen auf eine Studie des US-amerikanischen Neurologen Alan Shew­mon: Er untersuchte 175 Menschen, deren Gehirn tot war – und die dennoch mit künstlicher Beatmung noch zwischen einer Woche und 14 Jahren lang lebten bis zum Herzstillstand. Ihr Stoffwechsel arbeitete weiter, Wunden heilten, ihr Körper wehrte sich noch gegen Infektionen – und reagierte mit Stress bei Eingriffen. Selbst ein Kind kann im Körper von Hirn­toten heranwachsen. Ohne künstliche Beatmung und intensivmedizinische Behandlung freilich wären sie tot.

Am Ende plädieren auch viele Gegner der Hirntod-Konzeption über einen Umweg für die Organspende: Wenn das Gehirn nicht mehr arbeite, müsse der Arzt dem unaufhaltsam Sterbenden nicht mehr helfen – und der Wille des Patienten oder seiner Angehörigen entscheide. Für diese aber bleibt das Problem: Wann beginnt der Tod?

Offenbar ist er größer als eine Hirnstrom-Messung. Da sind sich Biologen und Theologen, Ärzte und Philosophen einig. Der Rat der EKD und die katholische Bischofskonferenz haben sich schon 1990 hinter die Hirntod-Theorie gestellt. Die sächsische Landeskirche will mit einer Handreichung zur Organspende nicht Partei ergreifen, sondern über beide Positionen informieren und bei der Entscheidung helfen.

Abgesehen davon, dass kein biblischer Autor je etwas von Intensivmedizin ahnte, ist die Frage auch theologisch nicht leicht zu beantworten. Der Apostel Paulus vergleicht den Tod im ersten Brief an die Korinther mit einem Samenkorn: »Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.«

Körper und Seele des Menschen gehören für ihn – anders als für die griechischen Philosophen und die christliche Theologie des Mittelalters – zusammen. Sie sterben zusammen und werden zusammen auferstehen. In der Unterscheidung zwischen dem Tod des Gehirns und des restlichen Körpers sieht der Philosoph Hans Jonas diesen Zusammenhang auseinandergerissen. Es sei »eine seltsame Wiederkehr des alten Leib-Seele-Dualismus. Seine neue Gestalt ist der Dualismus von Körper und Gehirn.«

Es gibt noch weitere Stolpersteine: Wenn die Kirche selbst das Recht der allerkleinsten Anfänge des Lebens verteidigt – muss sie das dann nicht auch bei seinen allerletzten Resten in den Organen eines Sterbenden tun? Sind die Regungen des Körpers nach einem Hirntod nicht auch Ausdruck des Lebensatems des Schöpfers?

Zum Trost angesichts solch großer Fragen zitiert Landesbischof Jochen Bohl in der Handreichung seiner Landeskirche Paulus: »Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben uns scheiden kann von der Liebe Gottes.« Die Entscheidung über die Grenzlinie zwischen Leben und Tod aber liegt in Zeiten der modernen Medizin immer öfter bei den Menschen. In ihren Gehirnen, in diesen Wunderwerken Gottes.

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