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»Da reicht der kleinste Funke«

Christliche Flüchtlinge fühlen sich mitunter in Heimen bedroht – doch wie groß das Problem wirklich ist, bleibt im Dunkeln. Und auch die Gründe für Konflikte sind vielschichtig.
Andreas Roth
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Hunderte Menschen auf engsten Raum, verschiedene Religionen und Kulturen: In sächsischen Flüchtlingsunterkünften kommt es auch deshalb zu Konflikten. © privat

Spricht man mit christlichen Flüchtlingen, deuten sie es oft nur an: Wer an Jesus Christus glaubt, zeige das besser nicht zu offen in Heimen und Erstaufnahmeeinrichtungen. Mehr wollen oder können sie meist nicht sagen.

Beim Dresdner Pfarrer Michael Schubert stand eines Morgens ein junger Eritreer vor der Tür. Der Christ habe ihm berichtet, wie ihn drei muslimischen Zimmergenossen mit dem Messer bedroht hätten, wie er sich gewehrt und ihm die Heimleitung daraufhin ein Hausverbot erteilt habe, erinnert sich der Pfarrer der St. Pauli-Gemeinde, in der Eritreer Gottesdienste feiern. Es ging auch um eine abgebaute Türklinke im gemeinsamen Zimmer und um eine verstopfte Toilette.

»Es ist schwierig, das alles immer gleich als Religionskonflikt zu bezeichnen«, sagt der Dresdner Pfarrer. »Aber die Religion spielt in solchen Auseinandersetzungen manchmal eine große Rolle. Und gefühlt ist bei den Betroffenen auf jeden Fall die Angst da: Ich bin bedroht, weil ich Christ bin.«

Diese Angst bringen die Asylbewerber aus ihrer Heimat und von ihrer Flucht mit, sie hat sich ihnen oft tief eingebrannt. Gegenüber einer großen Anzahl Muslimen sind Christen unter den Geflüchteten auch in den Heimen eine kleine Minderheit. Auch die mutmaßlichen muslimischen Täter sind eine Minderheit.

»Es werden christliche Flüchtlinge verbal bedroht, aber es ist keine Christenverfolgung«, sagt der Flüchtlingskoordinator im Kirchenbezirk Aue, Michael Beyerlein. Als Pastor und bei Gottesdiensten in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Chemnitz und Schneeberg habe er noch nie Probleme mit Muslimen gehabt. Auch Pfarrer und Pfarrerinnen, die mit Flüchtlingen arbeiten, wie die stellvertretende Leipziger Superintendentin Dorothea Arndt, haben von solchen negativen Erfahrungen christlicher Asylbewerber gehört – und halten sie für glaubwürdig. Bei der Polizei jedoch gibt es dazu keine Statistiken. »Es gibt Auseinandersetzungen unter Asylbewerbern, in denen die Beteiligten unterschiedlicher Religionszugehörigkeit sind – aber es ist unsicher, ob das der Auslöser war«, sagt der Sprecher der Polizeidirektion Görlitz, Thomas Knaup. »In mehr als 80 Prozent solcher Fälle liegt der Grund im übermäßigen Alkoholgenuss.« Schnaps oder Bier, dazu die Enge in den Zimmern und Heimen, verschiedene Kulturen und verordnete Langeweile, »da reicht der kleinste Funke«, sagt der Polizist.

Mit Blick auf eine Massenschlägerei zwischen rund 100 Asylbewerbern in der Erstaufnahmeeinrichtung Niederau bei Meißen, die sich offenbar an der Überschreitung festgelegter Gebetszeiten entzündet hatte, sagt der Dresdner Polizeisprecher Marko Laske: »Es geht eben nicht um Religionsfragen, sondern vielmehr um organisatorische Belange, die zu Streitigkeiten und wie in diesem Einzelfall zu Auseinandersetzungen führen.« Das Deutsche Rote Kreuz und die Johanniter als große Betreiber von Flüchtlingsunterkünften in Sachsen geben an, ernsthafte religiöse Konflikte seien ihnen nicht bekannt.

Gegenüber Flüchtenden, die sich in Deutschland taufen lassen, kommt in den Heimen mitunter noch etwas hinzu: Neid und Skepsis. Mit dem Übertritt zum Christentum wollten sie nur bessere Asylchancen erreichen, würden manche Muslime den Getauften vorwerfen – so berichten es kirchliche Mitarbeiter, die sie begleiten.

Gemeinden in ganz Sachsen versuchen, Christen unter den Flüchtlingen – so wie andersgläubigen Asylbewerbern auch – zu helfen. Der Dresdner Pfarrer Michael Schubert begleitete den eritreischen Christen zu Behörden auf der Suche nach einer Bleibe. Heute wohnt er bei einer deutschen Familie. Und das funktioniere gut, sagt Pfarrer Michael Schubert.

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35 Lesermeinungen zu »Da reicht der kleinste Funke«
Thomas aus Leipzig schreibt:
20. Januar 2016, 11:35

Sehr geehrter Herr Redakteur,
und was ist nun, wenn es doch etwas mit dem Islam zu tun hat?
Wenn Sie sich die Weltgeschichte ansehen, werden Sie feststellen müssen, der Islam führt seit über 1.000 Jahren Krieg gegen den Rest der Welt.
Seit kurzer Zeit lesen wir in der Zeitung, es gibt zwei große Gruppen unter den Mohammedaner, die sich um die Macht streiten und gegenseitig bekriegen.
Und diesen innerislamischen Krieg haben sie nach Europa und Deutschland mitgebracht.
Wir waren einmal so stolz auf die Aufklärung. Wann fangen wir wieder an, unseren Verstand zu gebrauchen?

Gert Flessing schreibt:
20. Januar 2016, 20:04

Lieber Herr Roth,
lesen Sie den Sonntag? Da gibt da einen Artikel, der ist überschrieben: "Du bist ein Ungläubiger."
Dort lesen Sie, wie es sich verhält und wie sich Christen und ehemalige, nun getaufte Muslime fühlen.
Was für die Polizei eine Statistik ist, die wertneutral gelesen wird und für so manchen Religionsromantiker einfach undenkbar, ist für die betroffenen Christen eine Tortur.
Warum werden derartige Berichte so wenig ernst genommen? Weil wir alle der Meinung sein müssen, dass der Islam zu Deutschland gehört und "Frieden" bedeutet, wie, vor nicht allzu langer Zeit ein bestimmter Innenminister dem Gehege seiner Zähne entfliehen ließ?
Christen werden in ihren Heimatländern von Muslimen drangsaliert und bedrängt, ja oft genug getötet. Sie fliehen vor diesem Terror.
Hier werden sie wieder drangsaliert und bedrängt und dürfen sich nicht offen zu ihrem Glauben bekennen. Muslime aber fordern Gebetsräume und bekommen sie (natürlich).
Wer hier lebt, soll auch seinen Glauben frei leben. Wem das nicht gefällt, der muss in die Schranken gewiesen werden. ansonsten ist der Gedanke, Christen von anderen Asylbewerbern zu trennen, wohl der einzige zielführende.
Gert Flessing

Andreas Roth - ... schreibt:
21. Januar 2016, 9:46

Lieber Herr Flessing, natürlich lese ich den SONNTAG, den von Ihnen zitierten Beitrag über die schlimmen Erlebnisse christlicher Flüchtlinge in Sachsen habe ich übrigens selbst geschrieben - genau aus dem Grund, den Sie auch sehen: Wir müssen da genau hinsehen, zuhören, vorurteilsfrei und besonnen. Und dann überlegen, wie wir den bedrohten Menschen und auch Glaubensgeschwistern helfen können.

L. Schuster schreibt:
21. Januar 2016, 20:14

Die Solidarität unserer grünen, roten oder die der Kanzlerin treuen Christen mit den bedrohten christlichen Flüchtlingen wird sich in Grenzen halten.

Haben diese geflüchteten Christen doch eine andere Gläubigkeit als viele von uns in der EKD, wo Gott auch sehr politisch herhalten muss, wenn es z. B. angeblich um die Bewahrung seiner Schöpfung geht. Ob bei den angeblichen Öko oder der deutschen höchst politischen Energiewende, dem Atomausstieg, (daher) hoher Strom-Wasser- Mietpreis wird es so begründet. Schützenhilfe waren hier, z. B. auch die grünen und roten Kirchentage. Solidarität mit denen die diese Preise kaum noch zahlen können fast gleich Null.

Nun wird Gott/Christus ebenso benutz zur Akzeptanz deutscher Flüchtlingspolitik.
U. a. damit wir nicht nur das muslimische Kopftuch respektieren, sondern auch wenn es eine Frau nicht trägt und sie daher bedroht wird oder wer sich als Christ zu erkennen gibt, er daher verprügelt wird. Ständig in vielen Heimen passiert, dann ist es unsere Frömmigkeit die uns sagen soll, hier (weiterhin) kein Aufsehen zu machen, wenn es nach den grünen, roten oder die der Kanzlerin treuen Christen geht. Ob der EKD-Ratsvorsitzenden auch so denkt wäre gut zu wissen.

Johannes schreibt:
22. Januar 2016, 20:08

Für alle Merkel-shitstorm-Macher und -Genießer, für alle Gida-Sympathisant*innen, für die Heidi-Mundlos- und Tatjana-Finsterling-Freunde eine gute Nachricht:
"Davutoglu würdigt Merkels Haltung in Flüchtlingskrise
Der türkische Ministerpräsident Davutoglu hat Bundeskanzlerin Merkel in der Flüchtlingskrise große Menschlichkeit bescheinigt. Nach einem Treffen beider Politiker in Berlin sagte er, Merkel habe einen historischen Schritt getan, durch den viele Menschen gerettet worden seien. Die Türkei stehe in dieser kritischen Phase an der Seite der Bundesrepublik. Weiter erklärte Davutoglu, sein Land habe in den vergangenen Jahren alles Erdenkliche für Flüchtlinge aus Syrien getan, ohne internationale Unterstützung dafür zu fordern. Auch künftig werde die Türkei alles tun, um diesen Menschen zu helfen. Im Alleingang sei das aber nicht möglich. - Kanzlerin Merkel sicherte Davutoglu erneut eine Milliardenhilfe der EU zu. Damit sollen die Lebensbedingungen der syrischen Flüchtlinge in der Türkei verbessert werden. Merkel bekräftigte, die Flüchtlingskrise sei nur gesamteuropäisch zu lösen. Dabei müsse man bei den Fluchtursachen ansetzen." © MDR INFO

Britta schreibt:
22. Januar 2016, 22:04

Das scheinheilige Lob wird ihr nur nichts nutzen, denn Erdogan sitzt am Drücker und hat jegliches Erpressungspotential: Geld, Visaerleichterungen, forcierte EU-Beitrittsverhandlungen... Und er nutzt es weidlich. Wenn man bedenkt, daß Erdogan in bestimmten Kreisen als Chef des IS gehandelt wird und sich an seine Äußerungen zu verschiedenen Zeiten zum Thema Kalifat Europa und der Aufforderung an die Türken in D., sich nicht zu integrieren, erinnert sowie die Radikalisierung der Türken in D. (Mehrheitlich Erdogan-Wähler) und der Türkei an sich (der Kemalismus ist mitterweile fast völlig abgeschafft)... Christen haben jedenfalls auch n der Türkei immer eniger zu lachen, wers nicht glaubt, sollte mal hinfahren!

tommy schreibt:
23. Januar 2016, 21:00

Die Türkei ist einer der größten Unterstützer des IS, ca 80 % des türkischen Erdölbedarfs wird vom IS gekauft. Die türkische Regierung sorgt dafür, daß der Terror im Namen des Islam weitergehen kann, bietet dann großzügig an, sich um die Opfer und Flüchtlinge zu kümmern, läßt sich von Europa dafür großzügig bezahlen, um den IS weiter zu unterstützen. Leider traut sich kein Politiker, weder deutscher noch europäischer, hier die Warheit zu sagen. Ehrlichkeit und Offenheit gehört leider nicht zu den Stärken unserer Politiker.
Tommy

Gert Flessing schreibt:
22. Januar 2016, 22:33

Lieber Herr Lehnert,
es geht in dem obigen Artikel darum, das CHRISTEN, die vor der Gewalt ihrer muslimischen Mitmenschen flohen, hier angemacht, bedroht und gepeinigt werden und keiner will es wahr haben.
Die Security sehen weg, die Behörden meinen, es habe nichts mit Religion zu tun.
Und Sie?
Sie schreiben von Frau Merkel.
Sorry, aber um die geht es gerade nicht.
Es geht darum, das Muslime Christen drangsalieren, weil sie Christen sind, weil sie "haram" sind, weil sie "die wahre Religion" verraten haben....
Und das scheint allen glatt am Arsche vorbei zu gehen.
Sollte uns das, als Kirche, zumindest einige Überlegungen wert sein, wie wir, als Christen, Christen helfen können. Wie schreibt Paulus doch an die Galater: "Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen."
Gert Flessing

Johannes schreibt:
22. Januar 2016, 23:00

Lieber Herr Flessing,
ich habe lediglich auf Schusters Merkel-bashing Und die Beschimpfung der Christen, die nicht in Schumachers kleine Welt passen, reagiert:
"Die Solidarität unserer grünen, roten oder die der Kanzlerin treuen Christen mit den bedrohten christlichen Flüchtlingen wird sich in Grenzen halten."

Da muss man doch dagegenhalten dürfen, oder?
JoLehnert

Gert Flessing schreibt:
23. Januar 2016, 9:54

Lieber Herr Lehnert,
wenn ich auf alle "kleinen Welten" reagieren wollte, wo käme ich hin?
Sie leben in Leipzig. Sie arbeiten, wie wir hier auch, mit Flüchtlingen. Wie erleben Sie das, was hier beschrieben wird und wie soll man, Ihrer Meinung nach, darauf reagieren?
Wir haben, als Kirche, für unsere Glaubensgeschwister, eine Verantwortung.
Gert Flessing

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