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Im Sog der Emotionen

Angst vor dem Terror, Kritik an der Flüchtlingspolitik oder Willkommenskultur: Gefühle bestimmen heute die Debatte – auch in der Kirche. Das kann zu einer Gefahr werden.
Andreas Roth
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Wider der Angst: Gedenkstätte in Brüssel für die Opfer der Terroranschläge auf die Metro und den Internationalen Flughafen Zaventem kurz nach den Attentaten. © Reuters/Yves Herman

Die Druckwellen der Bomben von Brüssel sind noch immer unterwegs. Sie bringen Angst, Wut und Trotz in die Seelen von Millionen. Sie verstärken einen Gefühlssturm, der seit über einem Jahr Europa durchpflügt. Angst vor Flüchtlingen und dem Islamismus bei den einen – der Wille zur Willkommenskultur bei den anderen. Auch die Kirchen rüttelt es.

»Angst ist eine der stärksten Emotionen«, sagt der Leipziger Professor für Religionssoziologie Gert Pickel. »Sie bewirkt, dass man unheimlich scharf reagiert. Rationale Argumente kommen da nicht mehr durch.« Diese Angst beobachtet der Soziologe bei Pegida- und Nein-zum-Heim-Demonstrationen. Und auch in den sozialen Netzwerken im Internet wie Facebook, wo Hass und Verachtung oft die lautesten Stimmen sind.

Die Willkommenskultur ist nicht weniger von Gefühlen gesteuert. »Auch hier wird emotional argumentiert: Wir seien es den Flüchtlingen aus Mitmenschlichkeit oder wegen unseres christlichen Wertekanons schuldig«, sagt der an der Theologischen Fakultät lehrende Gert Pickel. »In der Politik wird damit auch etwas gespielt. Aber Angst ist die noch stärkere Emotion.«

Das weiß man in der sächsischen Landeskirche nur zu gut. Das Beben war in ihr schon drei Jahre vor Pegida zu spüren. In der jahrelangen Debatte um homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern liegt unter der Decke theologischer Argumente fast immer ein tiefes Meer an Gefühlen: an Verletzungen, Wut, an Ängsten vor dem Verlust von festen Wertegefügen – oder gar der letzten Bindung an Gott. Auch bei den Themen Sterbehilfe oder Abtreibung geht es um nichts Geringeres. Die Emotionen wogen umso höher.

Der Macht der Emotionen versuchen in den letzten Jahren Hirnforscher, Psychologen, Sozialwissenschaftler und Philosophen auf die Spur zu kommen. Gefühle werden nicht mehr länger als das Gegenteil des Verstandes belächelt. In der Theologie aber beachtet man sie noch immer kaum. »Dabei liegt es auf der Hand, dass das Gefühl ein zentrales Element der Religion ist«, schreiben die Theologen Roderich Barth und Christopher Zarnow in ihrem jüngst erschienenen Buch mit dem programmatischen Titel »Theologie der Gefühle«. Die gesamte Bibel ist von Emotionen durchzogen – und selbst ihr Bild von einem Gott, der lieben und zürnen kann.

Angesichts von Islamismus und sonstigem Fundamentalismus müsse eine Theologie der Gefühle auch »eine Kritik religiöser Gefühle leisten«, so Barth und Zarnow. »Gerade von der Gefühlsseite her sind Menschen auch leicht religiös manipulierbar.« Schon die Autoren der Bibel wussten das und steuerten dagegen mit Tugendkatalogen, in denen sie Geduld, Freundlichkeit und Demut lobten.

»Gerade wenn Gruppen Gefühle stärken, werden Haltungen zu einer unverhandelbaren Ideologie«, sagt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel. Gegenseitiges Verständnis oder ein Kompromiss haben dann kaum eine Chance. »Das ist eine Gefahr für eine demokratische Gesellschaft und auch für Institutionen wie die Kirche. Eine starke Polarisierung birgt immer eine Zerreißprobe.«

Das Problem ist: Gefühle lassen sich nicht einfach durch gute Argumente oder ein Machtwort aus der Welt schaffen. Der Religionssoziologe Pickel hat in seinen Forschungen zur Islamfeindlichkeit nur einen Ausweg aus der Angstspirale entdeckt: Bildung und Begegnung. »Häufige Kontakte zu Menschen, die anders sind oder denken, bauen Ängste ab«, sagt der Leipziger Professor. »Das ist ein sehr langsamer Prozess – aber er ist einer der wenigen Wege, die das überhaupt können.« Und auch er ist eine Sache des Gefühls.

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