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Heimgehen

Ewigkeitssonntag: Der Tod gehört zum Leben. Das sagt sich so leicht. Eigentlich will ich nichts mit ihm zu tun haben. Wie gelingt es, ihn als Heimgang zu Gott zu sehen? Eine persönliche Antwortsuche.
Von Stefan Seidel
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Für viele steht am Sonntag der Tod eines Angehörigen vor Augen. Ich musste zum Glück in diesem Jahr niemanden aus dem engsten Kreis betrauern. Doch es fehlt nicht an Mahnungen des Todes. Er ist der Schattenbruder des Lebens und kann schnell zugreifen.

Die christliche Hoffnung ist ungeheuerlich: Der Tod ist nicht das Ende. Wir werden verwandelt zum ewigen Leben. Für Nichtgläubige ist dies wohl die höchste Hürde des Christentums. Wie kann man nur so etwas glauben – gegen allen Augenschein? In der Tat ist es so: Man kann den Tod und das Danach nicht denken. Es ist unserer Wahrnehmung und Vorstellung radikal entzogen. Keine Chance. Nichts von dem, was kommen wird, ist greifbar. Der Tod ist der Ernstfall der Religion. Vermutlich auch ihre Geburtsstunde. Denn beim Hoffen über den Tod hinaus müssen wir unsere Welt übersteigen – und den Sprung vom Wissen zum Glauben wagen.

Doch der christliche Glaube will hineinführen in das Geheimnis der Auferstehung. In der Bibel finden sich Bilder der Hoffnung – denn nur im Bild ist das Geheimnis der Verwandlung des Todes aussagbar.

Auf dem Grabstein meiner Großeltern steht: »Christus ist es, der unser Leben zum Heimgehen und unser Sterben zum Heimkommen macht.« Wie anders klingt das doch! Nicht: »Ich sterbe.« Sondern: »Ich gehe heim.«

Jesus wollte, dass wir so vom Sterben denken. Er wollte den Tod entängstigen. Er sagt: »Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!« Denn: »In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. (…) Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.« Jenseits der Schwelle des Todes liegt das Haus des Vaters.

Doch es bleibt da eine Wunde. Denn das Heimgehen zu Gott, bedeutet das Verlassen der Erde, das Verlieren dieses Lebens. Der Künstler Christoph Schlingensief (1960–2010) betitelte sein Krebs-Tagebuch mit »So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein«. Auch wenn er gläubig war, hatte er es doch nicht so eilig mit dem Heimgang zu Gott.

Ich bin ehrlich: Das Leben ist schön. Ich habe mich im »schnöden Diesseits« ganz gemütlich eingerichtet, bin glücklich beim Toben mit den Kindern, beim Genießen einer Tasse Kaffee, beim Blick auf die Ostsee ... Leider kann ich nicht mit der Emphase des Paulus rufen: »Tod, wo ist dein Stachel?« Denn der Tod ist ein Stachel. Er ist der Beender des Lebens. Je behaglicher das Heim, desto unwirtlicher das Draußen. Und ich bin befremdet, wenn radikale Muslime uns zurufen: »Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.« Geht es der Bibel um solche Lebensverachtung und Todessehnsucht? Ich denke nicht. Aber sie deutet tatsächlich dieses Leben um: Es ist nicht Ankunft, sondern Heimgang. Wir sind Gäste auf Erden und Wanderer zwischen den Zeiten. Das geht gewissermaßen gegen die Natur des Menschen. Denn er will irgendwo ankommen und bleiben, sich einrichten und verwurzeln – eben so erfüllt wie möglich sein Dasein fristen.

Diesem Trieb läuft die Bibel zuwider und zwingt damit zu harter innerer Arbeit: Wir sollen die zukünftige Stadt suchen. Natürlich ist das die tiefere menschliche Wahrheit, dass hier kein Bleiben ist. Doch es ist so schwer, abschiedlich zu existieren. Es geht nicht aus eigener Kraft.

Deshalb spricht die Bibel auch von der Kraft Christi, die das ermöglicht. Es bin nicht ich und kann es nicht sein, der mein Leben zum Heimgehen und mein Sterben zum Heimkommen macht. Es ist Christus. Gott sei dank lebt keiner sich selber und stirbt keiner sich selber, wie Paulus schreibt: »Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.«

Am Grabstein meiner Großeltern stehe ich und hoffe, dass mir diese Getrostheit zuwachse.

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(Joel 3,5)

Klopfet an, so wird euch aufgetan.

(Lukas 11,9)

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