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Was gilt die Bibel noch?

Schriftverständnis: In der Frage nach der heutigen Geltung der Bibel gibt es Streit. Konservative und Liberale stehen sich unversöhnlich gegenüber. Doch es gibt ein neues Licht auf die Schrift.
Von Stefan Seidel
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© Foto: ArTo/Fotolia

Nach dem Ende des Gesprächs­prozesses zum richtigen Verstehen der Heiligen Schrift angesichts der Beurteilung von Homosexualität vor vier Jahren ist es in der Landeskirche ruhig geworden um die Frage des Schriftverständnisses. Scheinbar war es gelungen, trotz gegensätzlicher Positionen in der Bibelauslegung, beieinanderzubleiben.

Gleichwohl haben sich zwei Pole herauskristallisiert: Auf der einen Seite die Sächsische Bekenntnis-Initiative, die sich »gegen die Anpassung der Botschaft und der Ordnung der Kirche an weltanschauliche oder politische Überzeugungen« einsetzt. Auf der anderen Seite das Forum für Gemeinschaft und Theologie, das für »eine aufklärende Theologie, für Offenheit und Vielfalt unserer Kirche« eintritt. Die zwischen diesen Polen verlaufende erbitterte Debatte über Homosexualität und Bibel hat vor allem eines gezeigt: es ist durchaus eine ungeklärte Frage, inwieweit die Bibel heute als Maßstab und Norm zu gelten hat.

Nachdem die theologische Wissenschaft in den letzten zweihundert Jahren ausgefeilte Textforschungen und Interpretationsmethoden zu Wege gebracht hat, scheint kaum noch ein Wort der Bibel absolute Geltung beanspruchen zu dürfen. Vieles gilt als eine Sache der Interpretation. Der Politikberater und Autor Erik Flügge beschrieb die Situation in einem Beitrag für »zeitzeichen« so: »Das Drama unserer heutigen Christenheit ist, dass zwischen dem, was im Wort Gottes wörtlich steht, und dem, was wir darin verstehen, eine solch breite Lücke klafft, dass es viel zu viel Zeit braucht, um über diese Differenz eine erklärende Brücke zu bauen. Nicht selten kracht diese Brücke, noch während sie im Errichten begriffen ist, in sich zusammen.«

Zum Beispiel würden Pfarrerinnen und Pfarrer, gefragt nach dem konkreten Vorgang der Auferstehung, kunstvoll erklären, »dass man all das doch im übertragenen Sinne verstehen müsse, als Zeugnis eines nicht näher zu erfassenden, überwältigenden Etwas, das damals passierte und sich seither forterzählt.« Für Flügge – und er meint, für die »Masse der Christenheit« zu sprechen« – bedeutet das, dass die Bibel heute kein Argument mehr sei, sondern als »entzaubert« angesehen werden müsse. Deshalb sieht er nur noch zwei Wege: die Rückkehr zur absoluten Gültigkeit der Bibel, wie es evangelikale Christen versuchen. Oder ein derart freier Umgang mit der Bibel, dass man auch Glaubenstexte unserer Zeit – nach synodaler Prüfung – dem Bibelkanon anheften sollte.

Es scheint allerdings, als würden diese zwei Auswege der Sache nicht ganz gerecht. Denn zum einen befindet sich auch die evangelikale Bewegung in einer kontroversen Debatte über das richtige Schriftverständnis, nachdem der frühere Allianz-Vorsitzende Michael Diener für eine akzeptierende Haltung gegenüber Homosexualität geworben hatte. Andererseits dürfte es zwischen strengem Konservatismus und progressiver Liberalität auch noch Zwischenpositionen zur Frage der Geltung der Bibel geben.

Eine solche beschreibt der Theologe Ingolf Dalferth in seinem Buch »Wirkendes Wort«. Darin betont er, dass die Bibel kein »christlicher Koran« sei, sondern vielmehr ein Kommunikationsgeschehen, das ein Hören von Worten und ein Antworten im Glauben ermöglicht. Nicht um Buchstabengläubigkeit gehe es also, sondern darum, das Evangelium als »geistgewirkt« zu verstehen – und gewissermaßen als ein Gesprächsanfang Gottes mit dem Gläubigen. Das Evangelium sei »Auslegung des Lebens durch Gottes Gegenwart auf Gottes Gegenwart hin«. Nicht der Text wird also absolut gesetzt, sondern das eigene Leben im Licht der als göttlich-gegenwärtig geglaubten Worte der Schrift gesehen. So wird der gläubige Mensch selbst zum Teil des großen Kommunikationsgeschehen Gottes, das über Worte hinausgeht und »Evangelium« genannt wird.

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