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»Auch Schimpfen halten wir aus«

Telefonseelsorge: Die Corona-Krise brachte die Menschen auf Abstand und die Ängste auf einen Höchststand. Viele suchten Rat und Hilfe bei der Telefonseelsorge. Sie ist in diesen Wochen stark gefragt.
Uwe Naumann
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Großer Gesprächsbedarf in Krisenzeiten: Tabea Waldmann leitet die Telefonseelsorge im Vogtland. Mit mehr ehrenamtlichen Diensten können derzeit auch mehr Anrufe angenommen werden. © David Rötzschke

Die Angst vor dem Coronavirus, die Angst vor Ansteckung, sie bestimmte die Anrufe bei der Telefonseelsorge am Anfang der Corona-Epidemie in Deutschland Anfang März. »Das war das Thema Nummer eins«, erinnert sich Tabea Waldmann. Die 55-Jährige leitet die Telefonseelsorge im Vogtland und hat erlebt, wie in der Corona-Krise alles immer mehr geworden ist: mehr Sorgen, Ängste, Anrufe. Aber auch mehr ehrenamtliche Seelsorger beim Telefondienst. »Wir haben hier im Vogtland eine zweite Leitung geöffnet«, erzählt die Sozialpädagogin aus Auerbach. »Und wir haben eine Riesenbereitschaft der Ehrenamtlichen.« Doch trotz der zweiten Leitung stehe das Telefon kaum still, vor allem in den Nachmittags- und Abendstunden, berichtet Waldmann. Nach den Fragen zur Gesundheit hätten die Anrufer bald materielle und existenzielle Fragen gestellt, erzählt die psychologische Beraterin. Das Kontaktverbot habe das große Thema Einsamkeit zusätzlich verschärft. Waldmann schätzt, dass jetzt etwa ein Drittel mehr Menschen bei der Telefonseelsorge anrufen. Andere sprechen von 50 Prozent mehr.

Von der gestiegenen Nachfrage hatte im März auch Oberkirchenrat Frank del Chin erfahren – nicht nur von der Telefonseelsorge, sondern auch von zwei weiteren Telefon-Hotlines, die verstärkt seelsorgerliche Anliegen meldeten. »Das Seelsorgegespräch ist in der Regel ein Krisengespräch«, so der Referent für Seelsorge und Beratung im Landeskirchenamt in Dresden. Es sei vor allem das Kontaktverbot, das viele Menschen in eine Krise stürze, so del Chin. Alleinlebende, Alleinerziehende, Männer im Homeoffice oder auch Freiberufler in existenziellen Nöten – sie fallen dem Referenten als erstes ein bei der Frage nach den Anrufern am Seelsorgetelefon.

Was im üblichen Alltag an Problemen unterdrückt werde, komme in diesen Krisenzeiten eher zum Vorschein. Doch die Pfarrer seien nicht nennenswert häufiger wegen eines Seelsorgegesprächs angerufen worden, sagt del Chin. Es sei eben nicht mehr selbstverständlich, mit seelsorgerlichen Problemen zum Pfarrer zu gehen. »Man kann nicht erwarten, dass eine frühere Gewohnheit jetzt wieder automatisch genutzt wird.« Denn so etwas koste auch Überwindung. Das anonyme Telefongespräch sei deshalb ein wichtiges Angebot in der besonderen Krisensituation, so der Seelsorge-Referent.

Pfarrerin Yvette Schwarze vom Institut für Seelsorge und Gemeindepraxis in Leipzig hat das Corona-Seelsorgetelefon von Beginn an mit begleitet. Für die Studienleiterin im Fachbereich Seelsorge ist es zu einem Teil ihrer Arbeit geworden. »Die Kontaktbeschränkungen und die Auswirkungen auf den Beruf und den Alltag belasten viele Menschen sehr«, berichtet Schwarze von ihren Telefongesprächen. »Die Herausforderungen mit Kindern im Homeschooling und ohne Kita werden prekärer.« Gleichzeitig habe sie von der Hoffnung auf ein »Danach« der Krise gehört.

Hoffen würden Anrufer auch, dass soziales Engagement und Nachbarschaftshilfe erhalten bleiben. Und es gebe die tiefe Sehnsucht nach Normalität, so Schwarze. Sie habe großen Respekt, wie Kranke, Einsame und Familien diese Zeit bestehen. »Ich denke, eine Krise, wie Menschen sie jetzt erleben, verstärkt Ängste, die schon vorher da waren. Probleme in der Familie verschärfen sich. Fragile Beziehungen sind gefährdeter«, so die Pfarrerin. Angst vor Corona habe sie nicht, sagt Yvette Schwarze. »Mir kam immer wieder der Gedanke von Demut, weil das sicher geglaubte Leben so schnell ganz anders werden kann.« Sie sei aber auch dankbar für alles, was in einer Krise dennoch gelingt.

Viele Anrufer hätten der Seelsorgerin auch von ihrem Glauben und ihrer Kirchgemeinde erzählt. Gottesdienste und Gemeindekreise würden vermisst. »Mit manchen habe ich an biblische Geschichten angeknüpft, die die Anrufer eingebracht haben«, erzählt sie. Sie hätten auch gemeinsam gebetet und mal ein Lied gesungen. Am Schluss habe sie immer einen Segenswunsch gesprochen. »Auch für mich war diese geistliche Dimension berührend«, sagt Schwarze. Nach den Telefonaten habe sie für die Gesprächspartner eine Kerze angezündet.

Seit einiger Zeit hören Yvette Schwarze und Tabea Waldmann bei den Anrufern die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, hören Kritik und Unzufriedenheit mit dem Staat. Über Repression und Überwachung werde geschimpft. »Wir sind der gesellschaftlichen Diskussion immer etwas voraus«, meint Tabea Waldmann. »Aber auch das Schimpfen halten wir aus«, lächelt sie. »Ich bin dankbar für diese Arbeit, für tolle Kollegen und dass wir anderen Menschen Halt geben können«, sagt Waldmann, die seit 25 Jahren bei der Telefonseelsorge arbeitet.

Die Angst vor dem Virus ist gesunken. Maßnahmen werden gelockert. Doch auch wenn das Kontaktverbot irgendwann fällt, erwartet Tabea Waldmann: »Die Einsamkeitsgeschichten werden bleiben.«

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