Die Sache mit den roten Linien

Klärung: Die Landeskirche setzt die Suche roter Linien nach rechts fort. Doch über die Frage, ob und wieviel Abgrenzung geboten ist, herrscht in Kirche und Theologie Uneinigkeit.
Von Stefan Seidel
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Es war ein langer Weg, bis die Arbeitsgruppe der sächsischen Kirchenleitung Ende März vor der Synode ihren »Schlussbericht« zur beauftragten Klärung der Unterscheidung von wertkonservativem Christsein und Rechtsextremismus vorstellen konnte. Immerhin galt und gilt es ein sehr breites Meinungsspektrum in der Landeskirche zu berücksichtigen.

Doch es konnte trotzdem eine »rote Linie« markiert werden: Konservative Christen werden dazu aufgerufen, dass sie im Falle einer auftretenden inhaltlichen Überschneidung mit Positionen rechtsextremer Gruppen (z. B. bei den Themen Familienbild, Lebensschutz, Gender-Mainstreaming) »im Sinne einer ›Unterscheidung der Geister‹ klare Grenzen ziehen und den ganz anderen geistlich-theologischen Hintergrund ihrer Positionen deutlich machen, mit dem sie in klarem Gegensatz zu rechtsextremen Denken stehen«. Allen Ungleichwertigkeitsvorstellungen solle widersprochen werden. Als Maßstab für die »Unterscheidung der Geister« werden die Gotteben­bildlichkeit aller Menschen, die Zehn Gebote, das Doppelgebot der Liebe und die Treue zur verfassungsmäßigen Ordnung genannt. Der Klärungsprozess soll durch Gespräche in geschützten Räumen fortgesetzt werden.

Doch die Debatte beschäftigt nun auch die ganze evangelische Kirche und Theologie in Deutschland. In dem soeben erschienenen Sammelband »Christentum von rechts. Theologische Erkundungen und Kritik« wird eine intensive Auseinandersetzung mit den Ideen und Konzepten der Neuen Rechten geführt und etwa neue Versuche einer völkischen Theologie untersucht. Darin heißt es: »Die Neue Rechte als Brücken-Milieu zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus hat eine religiöse Seite. Diese ist vielgestaltig und reicht von gegenmoderner – katholischer oder lutherischer – Kirchlichkeit über evangelikale oder charismatische Freikirchlichkeit und spirituelles Einzelgängertum bis hin zur Faszination für Neuheidnisches.«

Der Osnabrücker Theologieprofessor Andreas Kubik analysiert die Bedeutung der vom ehemaligen sächsischen Pfarrer Thomas Wawerka am 19. Dezember 2016 in Berlin durchgeführten »Mahnwache« als eine Art Schlüsselereignis. Kubik zeigt, dass hier die Vorstellung vom nun notwendigen und legitimen – auch christlich gebotenen – »Widerstand« wirkmächtig in die Köpfe und Herzen getragen wurde. Die Predigt Wawerkas verorte sich selbst politisch klar als Teil der erneuerten »konservativen Revolution«. Kubik fragt, »ob sich das Christliche hier nicht zugunsten des politischen Effektwillens hat funktionalisieren lassen«.

»Es zeigt sich: Die Neue Rechte richtet sich vor allem an nationalkonservative Christen sowie zum Chri­stentum hin offene Konfessionslose, die sich von den ›offiziellen‹ Kirchen nicht (mehr) vertreten fühlen und für einen konservativ-revolutionären Habitus empfänglich sind.«

Der Leipziger Theologieprofessor Rochus Leonhardt plädiert in seinem Beitrag zu dem Buch indes dafür, nicht in einen »schlichten Freund-Feind-Dualismus« zu rutschen. Es sollte versucht werden, die neuen rechten Positionen nicht kategorisch auszugrenzen, sondern sich auf der Sachebene mit ihnen auseinanderzusetzen. Da die politischen Fragen zu den »vorletzten Dingen« gehören, also nicht »heilsnotwendig« seien, sollten sie nicht zur Spaltung führen. Der Mitchrist sollte Leonhardt zufolge nicht auf seine politische Positionierung festgelegt, vielmehr zwischen Person und Werk unterschieden und sich am Versöhnungsanspruch des Evangeliums orientiert werden.

Das Buch formuliert eine »sensible Doppelaufgabe« für die Kirchen: »in ethischer Hinsicht sich einerseits klar gegen revolutionäre Tendenzen von rechts abzugrenzen, andererseits seelsorgerliche Gesprächsfähigkeit beizubehalten.«

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