Körperlicher glauben

Kirche und Körper: Während der Protestantismus oft als kopflastig und körpervergessen gilt, werden zunehmend Angebote von Körpermediationen – wie Yoga – geschätzt. Verträgt sich das mit dem christlichen Glauben?
Von Stefan Seidel
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Immer wenn wir in der Vergangenheit im SONNTAG das Thema Yoga angeschnitten haben, erhielten wir erregte Zuschriften, die vor einer naiven Praktizierung des ursprünglich aus dem Hinduismus stammenden Yogas warnten. Auf der anderen Seite wird Yoga auch zunehmend von Christen geschätzt – als wirksamer Weg zu innerer Einkehr und körperlichem Ausgleich. Der hessische Pfarrer Martin Vorländer zum Beispiel hat Yoga als eine sportliche Form für sich entdeckt, die Körper, Geist und Seele verbindet. »Oft fühlt sich der ganze Körper danach gedehnt und von Kopf bis Fuß durchbewegt an. Geist und Seele folgen dem Körper, strecken und weiten sich«, schreibt er in einem Beitrag für das Buch »Die Bibel sportlich nehmen«. Befürchtungen, dass er damit indirekt eine andere Religion praktiziert, hat er nicht. Er hält sich an das Pauluswort »Prüft aber alles und das Gute behaltet« und behält es sich vor, bestimmte Meditationen nicht zu praktizieren.

Der Weltanschauungsbeauftragte der sächsischen Landeskirche, Harald Lamprecht, plädiert für einen genauen Blick auf das konkrete Yoga-Angebot. Wenn Yogaübungen als Weg zur Erlösung, zum Heilwerden von Körper und Seele dienen sollen, vertrage es sich nicht mit dem christlichen Glauben, so Lamprecht. Die zentrale Frage sei, wie sich die angebotene Methode zum Glauben an die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung Jesu verhalte  – ob sich das ausschließt, ob sich das einschränkt/ergänzt oder ob es keine Berührungspunkte gibt. Bezüglich des Yoga dürfte es sich – je nach Anwendung – um ein einschränkendes oder ergänzendes Verhältnis handeln. »Seiner Herkunft nach stellt Yoga (ähnlich wie viele asiatische Kampfsportarten) keine Gesundheitsübung dar, sondern ist Bestandteil eines religiösen Heilsweges, auf dem die Körperbeherrschung zur Beherrschung des Geistes führen soll«, so Lamprecht. In Europa komme davon allerdings nur der Gymnastikeffekt an. Deshalb gelte: »Wer ein paar Yogaübungen zur Steigerung seiner körperlichen Fitness betreibt, nimmt damit noch keine andere Religion an.« Allerdings sei offensichtlich, dass viele Yogalehrer zutiefst hinduistisch geprägt seien und die Yogaübungen für sie deutlich mehr als nur Sport darstellen.

Harald Lamprechts Fazit: »Es bleibt festzuhalten, dass Yoga von seiner Herkunft stark mit hinduistischer Spiritualität verbunden ist und daher jederzeit dafür offen ist, dass diese Elemente entdeckt und stark gemacht werden. Zugleich ist nicht zu übersehen, dass in einer westlichen Adaption diese Aspekte oft weggedrückt werden, weil allein die körperlichen und psychischen Effekte im Mittelpunkt des Interesses stehen.«

Wenn durch neue Entspannungs- und Körperhaltungstechniken der Mensch wieder als eine Einheit von Körper, Seele und Geist angesehen und angesprochen wird, trete auch ein frühes christliches Erbe zutage, bemerkt Pfarrer Andreas Ebert, Leiter des Spirituellen Zentrums St. Marien München. Zum Beispiel ähnele das Körpergebet des Heiligen Dominikus mit seinen neun verschiedenen Gebetshaltungen auffallend manchen Yoga-Stellungen.

Allerdings sei inbesondere im Protestantismus das Wissen um den Zusammenhang von Körperhaltung und Gebet verlorengegangen, klagt Ebert. Beispielsweise in der Liturgie: Da könne man erleben, dass die Gemeinde in der Osternacht zusammengekauert auf unbequemenen Bänken sitzt und »Christ ist erstanden« singt. »Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung, wenn wir neu darüber nachdenken würden, welche Körperhaltungen im Gottesdienst welchen Inhalten und Abläufen entsprechen«, so Ebert, der überzeugt davon ist, dass durch körperliche Bewegung seelische und geistliche Prozesse in Gang kommen.

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