Ich harre des HERRN

Buß- und Bettag: Inmitten einer aufgewühlten Zeit wird der Blick in die Zukunft gelenkt. Dort wartet nicht die Katastrophe, sondern der Kommende. Ist der Blick auf Christus gerichtet, kann die Angst weichen.
Von Thilo Daniel
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Es gibt einen Unterschied zwischen Sprachlosigkeit und Stille. Es ist nicht das Gleiche, ob die Worte fehlen oder ob Stille einkehrt. Wenn ich sprachlos bin, komme ich vielleicht gar nicht zur Stille. Nach den langen Monaten, die durch den Blick auf die Entwicklung einer Pandemie geprägt sind, gehe ich mit diesem Gedanken auf den Buß- und Bettag zu. Als Kirche sind wir nicht zur Ruhe gekommen, die turbulenten Entwicklungen haben viele sprachlos gemacht. Wie können wir aus der Sprachlosigkeit herauskommen?

Der Buß- und Bettag bietet eine solche Gelegenheit zum Perspektivwechsel. Das Fremdwort lässt sich umgehen: Es gibt die Gelegenheit zum Wechsel der Sichtweise. Wenn Buße Umkehr bedeutet, dann sind wir eingeladen, uns umzudrehen und dabei auch eine neue Sicht zu gewinnen. Die Richtung des Blicks wendet der Bußtag auf Jesus Christus. Am Ende des Kirchenjahres lenkt der Buß- und Bettag den Blick aus der Gegenwart auf die Zukunft mit ihm. Wir kehren um aus dem, was hinter uns liegt, wenden den Blick und schauen voraus auf den Advent. Gottes Sohn kommt uns entgegen. Dessen bin ich gewiss.

Und doch beschäftigt die Frage: Was bringt die Zukunft? Wer kann sie sehen? Dietrich Bonhoeffer sah diese Möglichkeit zuerst bei den Kindern. Kinder stellt Jesus zu sich in die Mitte. Ihnen gilt sein Segen. Sie sind die Zukunft. Ihren Blick einzunehmen, wahrzunehmen, was wir tun können, um ihnen den Blick in die Zukunft nicht zu verstellen, kann in diesem Sinne dann auch ein Blick auf Christus sein. Dietrich Bonhoeffer konnte so weit gehen, zu sagen: Die Taufe ist die Berufung zum Kind. Wir werden Kinder sein. So wir es nicht sind, werden wir es sein. Damit ist der auf die Gegenwart und auf uns selbst gerichtete Blick aufgehoben und nach vorne gerichtet. Die Zukunft ist Gottes Land. Kinder vertrauen und so lernen sie gehen. Zunächst gehen sie auf diejenigen zu, die ihnen die Arme entgegenstrecken und sie auffangen.

Brauchen wir das als Erwachsene? Der Tagespsalm 130 spricht davon: »Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.« Was in dieser Zeit schon anbricht, wird im Advent sichtbar. Der Advent lenkt den Blick in die Mitte. »Fokussiert« nennen wir einen solchen Blick. Wir stellen den Blick scharf. Wir erkennen die Richtung, aus der die Zukunft uns entgegenkommt. Von dort kommt uns Hoffnung und Heilung entgegen. Chri- stus kommt zu uns und kommt in unsere Mitte – gegen die Angst, die uns beim Nachdenken über die Zukunft befallen kann, weil wir sie kennen wollen und das mit dem »Erwarten« so eine Sache ist.

Der Buß- und Bettag gibt Gelegenheit zur Besinnung in einer turbulenten Zeit. Aufgewühlt schickt sie uns in das Ende des Kirchenjahres. Kommen wir zur Besinnung, ohne gar zu besinnlich oder betulich zu werden. Aber vielleicht gelingt es, durch die Besinnung besonnen zu bleiben und Christus nicht aus dem Blick zu verlieren. Am Ende des Kirchenjahres singen wir: »Wir warten dein, du kommst gewiss,/ die Zeit ist bald vergangen;/ wir freuen uns schon überdies/ mit kindlichem Verlangen./ Was wird geschehn, wenn wir dich sehn,/ wann du uns heim wirst bringen,/ wann wir dir ewig singen!« (EG 152,4)

Die Liedstrophe sang ursprünglich nicht von den Kindern. Der Text ist später geändert worden. Und statt des Ausrufezeichens standen ursprünglich Fragezeichen am Ende des Liedes. Es singt von der Hoffnung mit unseren Fragezeichen und Ausrufezeichen. Durch das Einstimmen in die Hoffnung finden wir aus der Sprachlosigkeit heraus. Der Gesang führt in die Stille. Und: Die Hoffnung auf den Kommenden könnte verhindern, dass wir sprachlos bleiben und uns Stille gewähren – und sei es für den Augenblick.

Oberlandeskirchenrat Dr. Thilo Daniel ist Dezernent für theologische Grundsatzfragen im Landeskirchenamt.

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