Wenn doch alles besser wäre

Sehnsucht: Es wohnt ein Sehnen tief in uns – nach Freiheit, Liebe, Ankommen. Sehnsucht kann eine Urgewalt sein. Es lohnt sich, seinen Sehnsüchten nachzugehen.
Von Gerd-M. Hoeffchen
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Meine Mutter hatte Sehnsucht nach dem Paradies. Ihr Leben war geprägt von Krieg, Flucht, gescheiterten Neuanfängen, Krankheit und Enttäuschungen; da mag das wenig verwundern. Das Leben hier auf der Erde war für sie ein Jammertal, durch das die Menschen hindurch mussten. Aber am Ende, da wartete das zukünftige, das ewige Leben im Himmel.

Das Paradies. Was genau das sein würde, wusste Mutter nicht. Aber aus Bibelstunde und Gottesdienstpredigt brachte sie die Überzeugung mit: Es würde unbeschreiblich schön sein. Ruhig, friedlich. Ohne Leid. Es waren keine konkreten Wünsche oder Vorstellungen, die meine Mutter damit verband. Eher ein unbestimmtes Verlangen, ein Ziehen, eben ein Sehnen in Richtung Himmel: Alles würde gut.

Menschen tragen das Sehnen in ihren Genen. Mögen die Ziele auch noch so unterschiedlich sein: Es ist da. Lieder und Geschichten, Gedichte und Filme sind voll von dem eigentümlichen Verlangen. Freiheit. Liebe und Partnerschaft. Das Gefühl: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Eine ganze Epoche der Kulturgeschichte, nämlich die Romantik, gründet sich auf dieses Sehnen: Herz und Seele verspüren einen süßen Schmerz. Die Richtung ist diffus. Das Verlangen aber gewaltig.

Jede Sehnsucht speist sich aus der Unvollkommenheit des gegenwärtigen Lebens, schreibt die Zeitschrift »Psychologie heute« in ihrer Juli-Ausgabe; das Empfinden, dass etwas Elementares fehlt. Der Wunsch nach einer anderen Wirklichkeit, die Vorstellung »was wäre, wenn?«.

Aber Sehnsüchte müssen nicht bei der Tagträumerei stehenbleiben. Sie können helfen, sich besser zu verstehen und das eigene Leben selbstbestimmter zu gestalten. Denn oft stecken hinter den diffusen Sehnsüchten ganz andere Wünsche und Bedürfnisse, als man sie auf den ersten oder zweiten Blick erkennen kann.

Beispiel Freiheit. Wer sein Leben lang davon träumt, auf große Abenteuerfahrt um die Welt zu gehen, es in der Realität aber immer nur in den Schwarzwald oder nach Mallorca schafft, sollte sich fragen: »Warum versuche ich es denn nicht mal?« Tieferes Nachdenken könnte dann möglicherweise zu der Antwort führen: »Weil ich mir eigentlich gar nicht die Unbequemlichkeiten und Gefahren eines echten Abenteuers zumuten möchte.« Stattdessen könnte die große Abenteuerreise ein Symbol sein, ein Hilferuf der Seele, dass man sich in seinem bisherigen Leben schlicht unausgelastet fühlt, gelangweilt oder gar eingesperrt. Ähnliches kann passieren, wenn jemand in der Lebensmitte der vermeintlichen »Liebe des Lebens« begegnet – und irgendwann feststellt: Nein, es geht hier gar nicht um Liebe. Sondern um Flucht aus den bisherigen Zuständen.

Sehnsüchte können mit der Macht einer Urgewalt daherkommen. Sie können Kraft zur Veränderung geben, wo das Leben in einer Sackgasse steckt. Oder auch das eigene Leben ruinieren – und das anderer gleich dazu. Insofern ist es ratsam, sich möglichst ehrlich auf die Schliche zu kommen, bevor man Entscheidungen trifft. Helfen können Gespräche mit Vertrauten, Therapeutinnen oder Therapeuten, dem Pastor oder der Pastorin, ein Anruf bei der Telefonseelsorge.

Aber hinter den Sehnsüchten steckt möglicherweise noch etwas anderes. Etwas viel Tiefergehendes, Grundlegenderes. Auffällig ist, dass Sehnsüchte stets eine Utopie herbeisehnen; einen Idealzustand, von dem man ja schon ahnt, dass es ihn auf absehbare Zeit oder überhaupt in diesem Leben so niemals geben wird.

Für den Apostel Paulus liegt die Sache klar auf der Hand: Die Menschen sehnen sich nach Gottes zukünftiger Welt. Sie tragen die Erinnerung an das verlorene Paradies in sich, sie seufzen geradezu danach, zu Gott zurückzukehren (2. Korinther 5). Auch die Psalmen kennen diesen »Durst« nach Gott. Frieden, Freiheit, Hoffnung, Heilung, Ganzheit: All das ist Ausdruck der verschütteten Sehnsucht nach Gott. Der Kirchenvater Augustinus formulierte es so: »Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, Gott.« Und im Lied »Abend wird es wieder« heißt es mit Blick auf den auch am Abend rastlos fließenden Bach: »So in deinem Streben bist mein Herz auch du: Gott nur kann dir geben wahre Abendruh«.

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