Ringen mit Gott

Jubiläum: Am 20. Mai vor 100 Jahren wurde der Dichter Wolfgang Borchert geboren. Mit seinem schmalen Werk wollte er die Lehren aus dem barbarischen Krieg für die Nachwelt festhalten – auch in Bezug auf die Rede von Gott. Was hat er uns heute noch zu sagen? Ein Gespräch mit dem Theologen und Literatur­experten Karl-Josef Kuschel.
Das Gespräch führte Stefan Seidel
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Wolfgang Borchert
Unvollendet gebliebenes Genie: Der Dichter Wolfgang Borchert (1921 1947) hier in der glücklichsten Zeit seines Lebens 1941 in Lüneburg. © Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky/CC BY SA 4.0

Herr Professor Kuschel, welche Bedeutung hat Wolfgang Borchert für Sie? Was schätzen Sie an seinem Werk?
Karl-Josef Kuschel: Als Zeitgenosse und als Christenmensch ist Wolfgang Borcherts Werk für mich von bleibender Bedeutung. Als Zeitgenosse, weil er wie kein anderer Schriftsteller die verheerenden Folgen eines Krieges auf die Menschen beschrieben hat und zwar nicht nur für sich, der als Soldat den Krieg an der Ostfront durchgemacht hat, sondern auch für seine Generation. Ich verweise auf seine zeitdiagnostischen Grundlagentexte wie »Generation ohne Abschied« oder »Das ist unser Manifest«. Und als Christenmensch ist mir bis heute wichtig, dass Borchert eine bestimmte, die Krisen und Abgründe überspielende Gottesrede radikal infrage gestellt, ja zerfetzt hat, vor allem in seinem Kriegsheimkehrer-Stück »Draußen vor der Tür«.

In diesem Drama ringt Borchert mit der Gottesfrage im Angesicht der erlittenen Gräuel des Krieges. Sein bisheriger Gottesglaube scheint zerstört worden zu sein – auch angesichts einer nicht mehr glaubwürdigen Kirche, die dem Krieg nicht widerstanden hat. Trotzdem spricht Borchert Gott noch direkt an – und hält eine Beziehung zu ihm aufrecht. Welche Bedeutung hat sein Ringen mit Gott für die heutige Suche nach Gott und das heutige Kirchesein?
Für meine Generation von Theologiestudierenden waren zwei geschichtliche Zäsuren prägend: Stalingrad und Auschwitz. Beide wurden zunächst im Nachkriegsdeutschland verdrängt, bis jüdische Theologen, vor allem in den USA, uns hart mit der Frage konfrontierten: Kann man »nach Auschwitz« überhaupt noch von Gott reden und wenn ja, wie? Sicher nicht mit dem alten gestanzten Vokabular. Und aus dem genannten Borchert-Stück kam uns der Schrei des Kriegsüberlebenden an Gott entgegen: »Warst du in Stalingrad lieb, lieber Gott, warst du da lieb?« Der Mann hatte ja auch elf seiner Kameraden im Bombenhagel verloren. Gott, den Borchert in diesem Stück ja als Person auftreten lässt, als »weinerlichen Theologen« hingestellt zu sehen, ging an die Substanz eines jeden Christenmenschen. Und traf den Kern der Sache unter den Bedingungen dieses Massensterbens. Entsprechend mussten Konsequenzen einer künftigen Rede von Gott und einer kirchlichen Verkündigung aussehen, die solchen Erfahrungen standhalten können.

Welche Konsequenzen für die Rede von Gott sind daraus gezogen worden? Welche Folgen hatte der stellvertretende »Schrei nach Gott« Borcherts für unseren heutigen Glauben an Gott? Wie wäre redlich und trotzdem vertrauend zu reden von Gottes Wirken?
Eine erste Konsequenz wäre, vor Gott ehrlich mit den Krisen, den Ängsten, ja den geschichtlichen Abgründen umzugehen und sie nicht mit einer verharmlosenden Rede von Gottes Liebe zu überspielen. Viele Menschen, abgestoßen von dieser Art von Gottesrede wie Borcherts Held in seinem Stück, haben aufgehört von Gott zu reden, weil das mit ihrer Lebenserfahrung nichts mehr zu tun hat. Religiöse Vergleichgültigung ist vielfach das Signum unserer Zeit. Ich halte gerade in Krisen an der Beziehung zu Gott fest. Aus Gottesleidenschaft in doppeltem Sinn. Nicht zuletzt, weil die Hebräische Bibel im Geiste Hiobs oder der Klagelieder uns ermutigt, unsere Zweifel, ja Verzweiflungen über Unbegreifliches, Fassungsloses vor Gott zu tragen. Auch in Form von kritischen Gebeten. Ich vertrete also jenseits von Atheismus und der verharmlosenden Liebessprache eine Theologie des Protestes gegen Gott vor Gott, wie es der späte Heine vorgemacht hat.

Das Ringen mit Gott rechnet also noch mit dem Wirken Gottes …
Wer die Beziehung zu Gott kappt, hat keine Erwartungen an die Geschichte mehr, auch nicht daran, dass den vielen unschuldigen Opfern der Geschichte Gerechtigkeit widerfahren möge. Wer zu Gott fragend spricht, hat noch Erwartungen, dass die Welt mehr ist als ihr Fall, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfahren möge, um dann daraus die Kraft zu schöpfen, diese Welt menschlicher zu machen und die Stalingrads und Auschwitz’ nicht länger triumphieren zu lassen. Mein Rede von Gott kommt also aus der Sehnsucht danach, dass die Mörder nicht über ihre Opfer endgültig triumphieren dürfen.

Eindrücklich ist vor allem Borcherts radikaler Pazifismus, der sich zum Beispiel in dem Text »Sag Nein!« ausdrückt. Inwiefern ist dieser Pazifismus aus Ihrer Sicht heute aktuell? Taugt diese kategorische Verweigerungshaltung für heute?
Der Text ist unter »Dann gibt es nur eins« in der Werkausgabe abgedruckt und ist ein einziger Ruf nach Umkehr nach den traumatisierenden Kriegsgräueln. Er kommt aus der Erfahrung, dass es keinen Krieg gäbe, wenn die Menschen allesamt nicht mitmachen würden. Der Text ist also ein leidenschaftlicher Aufruf zur Kriegsdienstverweigerung: »Sag Nein«! Die Kirchen haben daraus zumindest die Folgerung gezogen, dass eine Förderung oder gar Beteiligung an Angriffskriegen moralisch verboten ist  – zumal Kriegsszenarien im Vergleich zu Borcherts Zeiten sich noch einmal radikal verändert haben. Wir leben im Zeitalter von Atombomben. Insofern ist heute Kriegsdienstverweigerung Christenpflicht, wohl zu unterscheiden von legitimer Selbstverteidigung.

Borchert schreibt in dem Stück »Sag Nein!« auch: »Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!« Wünschen Sie sich in Sachen Pazifismus eine eindeutigere Kirche?
In dem genannten Stück wird ja nicht nur der Pfarrer aufgefordert, »Nein« zu sagen, sondern ein ganzes Spektrum von Repräsentanten, darunter Dichter, Ärzte, Piloten, Richter, Fabrikbesitzer. Was christliche Kriegsdienstverweigerung angeht, so gibt es für mich keinen anrührenderen Borchert-Text als die kleine Erzählung »Jesus macht nicht mehr mit«. Es ist die Geschichte eines Soldaten an der russischen Front, der sich plötzlich weigert, sich in ausgehobene Gräber zu legen, damit für die Toten Maß genommen werden kann. Und weil er sich weigert, bekommt er von seinen irritierten Kameraden den Spitznamen »Jesus«. Wunderbar erzählt, weil durch die Verfremdung hindurch das jesuanisch Entscheidende aufblitzt. Das ist die Urgeschichte einer Kriegsdienstverweigerung in der Nachfolge Jesu. Auch dieses Hoffnungszeichen gibt es bei Borchert.

Was bleibt von Wolfgang Borchert?
Er bleibt der Schriftsteller radikaler Wahrhaftigkeit, nachdem ihm alle idealistischen Illusionen durch den Krieg zerfetzt worden waren und er so schwer krank wurde, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb. Immer wieder stehe ich vor der schier unglaublichen Tatsache, dass sein Werk mit dem großen Drama und den vielen gerade in ihrer Nüchternheit so ergreifenden Erzählungen in nur eineinhalb Jahren vom Januar 1946 bis September 1947 geschrieben wurden. Schon im November erlag er seinem Leberleiden, ganze 26 Jahre alt. Meine Güte, was hätte die deutsche Literatur von diesem Schriftsteller noch erwarten können.

Karl-Josef Kuschel war von 1995 bis 2013 Professor für »Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs« in Tübingen und ist Präsident der Int. Hermann Hesse Gesellschaft sowie Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Er ist u. a. Autor des Buches »Jesus im Spiegel der Weltliteratur«.

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