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Der Tod in Scheiben

Würde: Ausstellungen toter Menschen wie in Dresden erzählen nicht nur etwas über den Körper – sondern auch über den Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft.
Von Andreas Roth
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Sieht aus wie eine Computer-Simulation, manche Besucher fühlen sich auch an Schinken erinnert – ist aber ein echter menschlicher Körper in der Dresdner Ausstellung »Real Bodies«. © Steffen Giersch

Den Tod hält man sich heute lieber weit vom Leibe. In Dresden aber wird seit Wochen auf Plakaten mit ihm geworben: Für eine Ausstellung mit dem Titel »Real Bodies« im Zirkus Sarrasani, die tote Körper von echten Menschen zeigt. Und merkwürdigerweise fehlt jede Debatte.

Auch die Kirchen sind still. Anders als vor 20 Jahren, als der Anatom Gunther von Hagens mit seinen spektakulär inszenierten Leichenschauen einen Sturm der Entrüstung hervorrief – und einen Ansturm an Besuchern. Der Dresdner Theologe und Ethikprofessor Ulf Liedke hält nicht viel von kirchlicher Pauschalkritik an solchen Ausstellungen.

»Die Leidenschaft von Menschen, sich mit der verborgenen Innenseite des eigenen Körpers auseinanderzusetzen, gab es auch schon in früheren Jahrhunderten«, sagt Ulf Liedke, der an der Evangelischen Hochschule Dresden lehrt. »Wir haben als Christen mit den Reliquien eine eigene Ausstellungsgeschichte von Körperteilen – in manchen Kirchen auch mit einer gewissen Derbheit.« Als Christ kann man das entspannt sehen: Gott wird bei der Auferstehung, glaubt man der Bibel, einen neuen Leib schaffen – egal, ob ein Körper nun zu Asche verbrannt oder plastiniert ausgestellt ist.

Die Juristen dagegen tun sich seit Jahren schwer mit dem Thema. Nach langem Hin und Her hat Ende vergangenen Jahres das Berliner Oberverwaltungsgericht eine Leichen-Ausstellung von Gunther von Hagens mit Verweis auf die Würde der Toten verboten. Die evangelische Kirche in der Hauptstadt fand das richtig.

Die Kritik des Dresdner Theologieprofessors Ulf Liedke setzt an einer anderen Stelle an. »Die Faszination dieser Ausstellungen lebt davon, dass uns Tote präsentiert werden, ohne dass wir wirklich den Tod sehen. Es sind schlanke, schöne Leichen ohne Verwesung, ohne Geruch. Dadurch können wir den Tod ein Stück abspalten – das passt tief zu unserer Zeit.«

Ganz anders der Umgang mit toten Körpern in der Ausbildung von Ärzten. Jeden November gestalten Dresdner Medizinstudenten eine Trauerfeier für jene 30 Menschen, die sich nach ihrem Tod für den Anatomieunterricht der Nachwuchsmediziner zur Verfügung gestellt haben. Mit Musik, Reden, Kerzen und Urnenbeisetzung auf dem Dresdner Trinitatisfriedhof. Und mit der Verlesung jedes einzelnen Namens.

Darin liegen die Würde jedes Menschen und ein biblischer Gedanke, findet der Dresdner Uniklinik-Seelsorger Michael Leonhardi, der die Trauerfeier mit vorbereitet. »Es gehört immer eine demütige, religiöse Geste dazu, wenn man sich einem verstorbenen Menschen nähert«, sagt er. »Das ist etwas anderes, als wenn man einen toten Körper in einer Ausstellung mit kommerziellem Interesse vorzeigt. Mir fällt dazu das Wort Prostitution ein.«

Und noch etwas wird bei den Leichen-Ausstellungen ausgeblendet: Dass diese echten Menschen auch echte Angehörige haben. Trauernde. Seelsorger Michael Leonhardi erlebt bei den Beisetzungen der Körperspender die angestaute Wucht der Gefühle. »Da merkt man, dass die Trauer ganz lang gewartet hat. Es ist für die Angehörigen eine ungeheure Anspannung, die sich dann löst.« Die Angehörigen der Menschen aus den Körper-Ausstellungen, die meist aus China stammen, bekommen wohl nie diese Gelegenheit.

Dennoch haben bei der Dresdner »Real Bodies«-Schau schon fünf Besucher bei den Ausstellungsmachern Interesse bekundet, ihren Körper zu spenden. Bei der vorherigen Station in Lissabon waren es 48. »Das ist eine Form der Hoffnung, dass etwas über den Tod hinaus bleiben möge«, deutet der Dresdner Theologieprofessor Ulf Liedke diese Wünsche. »Aber es bleibt eine trügerische Illusion von Unsterblichkeit.«

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