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Gottes Liebe trägt

Buß- und Bettag: Der Feiertag hat für die meisten keine religiöse Bedeutung mehr. Die Rede von Sünde und Buße ist fremd geworden. Doch spricht man stattdessen von Angst, erscheint alles in neuem Licht.
Von Stefan Seidel
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© Foto: Sergey Nivens/Fotolia.com

Auf meinem Weg zur Arbeit fahre ich an großformatigen Werbeplakaten vorbei. »Einkaufen am Buß- und Bettag«, steht da in großen Lettern. Ein sachsen-anhaltinischer Einkaufspark wirbt damit um sächsische Kunden am Buß- und Bettag.

Es scheint das neue Ritual dieses sächsischen Feiertags zu sein, scharenweise ins Nachbarbundesland zum Shoppen zu fahren. Alljährlich titeln danach die Zeitungen: »Sachsen überrennen den Einkaufspark«. Zu büßen und zu beten scheint es wenig zu geben. Die Sache mit der Sünde hat sich für die meisten erledigt. Und auch in der Kirche werden die Stimmen lauter, die einen Abschied von Sünden-Rede und Buße fordern. Die Berliner Kirchenzeitung verbreitete kürzlich die Schlagzeile: »Schluss mit Sünde«. In dem Beitrag schrieb der Theologe Klaas Huizing: »Die Vokabel ›Sünde‹ besitzt eine dunkle Kraft. Sie macht klein und sorgt dafür, dass man sich schmutzig fühlt.«

Huizing möchte das »sündenverbiesterte Menschenbild« von Augustinus und Luther verabschieden. Denn nicht die Angst vor der Hölle bewege die Menschen heute, sondern die Frage, wie sinnvoll und gut zu leben sei. Es gelte zu lernen, dass der Mensch nicht grundsätzlich verdorben sei, sondern zur Kraft seiner Selbstbestimmtheit und Selbstbeherrschung ermutigt werden solle.

Keine Frage: die Rede von der Sünde ist nicht unproblematisch. Sowohl in ihrem schlüpfrigen Sinn, der ihr im allgemeinen Sprachgebrauch anhängt. Als auch als moralische Drohgebärde, die im christlich-fundamentalistischen Bereich gepflegt wird. Über die Banalisierung der Sünde in Werbung und im Alltagsgebrauch muss nicht viel gesagt werden. Wenn von der Sünde nicht mehr übrig ist als die Vorstellung, dass es auf der Alm »koa Sünd« gibt, muss die Säkularisierung als ein weitgehend abgeschlossener Prozess betrachtet werden.

Doch auch die obsessive Versteifung des Fundamentalismus auf eine Sündenlehre, die sich um Fragen der Sexualität dreht, ist problematisch. Für den Prager Theologen Tomáš Halík »stellt dieser Typus eines offensichtlichen Pharisäertums, das Moral mit ›moralischer Empörung‹ verwechselt, eine der großen moralischen Bankrotterklärungen des gegenwärtigen Chri­stentums dar«.

Tatsächlich ist es schwierig, die Menschen einzuteilen in »Gute« und »Böse« und den »Bösen« mit der Strafe Gottes zu drohen. Denn Jesus selbst hat sich verwahrt gegen diese falsche Gerechtigkeit, die am Ende doch nur Selbstgerechtigkeit ist. Der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann betont, dass Jesus einen Gott verkündigt hat, der nicht straft und verstößt, sondern den Verlorenen nachgeht. Denn »das Böse« tun die Menschen nach seiner Überzeugung nicht, weil sie »böse« sind, sondern weil es ihnen an erfahrener Güte mangelt. Jesus habe deshalb Gott als einen bedingunglos liebenden Vater verkündet, damit sich Angst beruhigt und Böses überliebt werde.

Schon Sören Kierkegaard (1813–1855) hat das Wort »Sünde« ersetzt durch »Verzweiflung«, um damit den eigentlichen Sinn der Erbsündenlehre zu zeigen: Durch den Menschen geht ein Riss der Angst, der ihn mitunter böse sein lässt, obwohl er es nicht will.Deshalb sollte in der Beichte und Seelsorge Drewermann zufolge nicht die Frage gestellt werden: »Was hast du gemacht?« Sondern: »Was hat man mit dir gemacht?« Statt den moralischen Zeigefinger zu erheben, sollte der Einzelne »in einen Raum absoluter verstehender Akzeptanz« geführt werden.

Das ist die Pointe des Christentums, dass Jesus die verlorenen Menschen an die Hand nimmt und sie zurückführt in das Paradies – vorbei an den Engeln mit den Flammenschwertern und hinein in die Geborgenheit eines unzweideutig gütigen Gottes.

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1 Lesermeinungen zu Gottes Liebe trägt
Gert Flessing schreibt:
17. November 2017, 17:19

So lasst uns den Begriff "Sünde" abschaffen. Dann werden wir auch das, was sich darin verbirgt, los werden.
Aber ich fürchte, das es ein Irrtum ist, so zu denken.
Der Ansatz dieses Irrtums ist jedoch verständlich und er versteckt sich in diesem Satz: " Es gelte zu lernen, dass der Mensch nicht grundsätzlich verdorben sei, sondern zur Kraft seiner Selbstbestimmtheit und Selbstbeherrschung ermutigt werden solle." Damit will Herr Huizing das "sündenverbiesterte Menschenbild" ad acta legen.
Aber stimmt es denn, das der Mensch eigentlich gut ist, denn "nicht grundsätzlich verdorben" würde das ja aussagen?
Oder stimmt es doch, was wir in der Noahgeschichte lesen, das Gott die Welt nicht mehr vernichten will, obwohl "das Sinnen und Trachten des menschlichen Herzens böse ist, von Jugend an"?
Auch der Marxismus lehrte, das der Mensch eigentlich gut sei, aber durch die gesellschaftlichen Umstände böse wird. Man ändere die Gesellschaft und man schafft den wahren, den guten Menschen.
Der Marxismus lebte jedoch dort, wo er die Gesellschaft änderte, nichts anderes, als die alte Erkenntnis, das der Mensch durchaus das Böse in sich trägt - in jeder Gesellschaft. Die Opfer, die durch diese veränderte Gesellschaft generiert wurden, sprechen eine deutliche Sprache.
Ja, Gott geht dem Verlorenen nach. Jesus macht das deutlich. Die Geschichte von Zachäus spricht davon und sein Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner.
In letzterer steht aber das, was aus der Erkenntnis des eigenen Lebens wachsen kann: "Gott, sei mir Sünder gnädig."
Es ist weniger die Angst, die Menschen böse sein lässt, als vielmehr die Gier. Gier, besitzen zu wollen, Bestätigung zu erlangen, auch die gier nach einer Freiheit, die laut, gemein und überheblich sein kann.
Es geht nicht um einen moralischen Zeigefinger, sondern um die nüchterne Erkenntnis, das niemand frei von dem ist, was man so "böse" nennt.
Von daher brauchen Menschen eine Orientierung. Sie wird uns von Gott gegeben und sie ist im Kreuz Jesu sichtbar. Dort siegt er auch über die Angst, auch über die Verzweiflung, die dieses Sterben mit sich bringen. Vor allem aber siegt er über die Sünde, denn dort lernen wir, auch dem Henker zu vergeben, dem Spötter und uns hinzuwenden und zu sagen: "Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst."
Ja, der Begriff Sünde besitzt eine dunkle Kraft. Aber das Vertrauen auf den, der am Kreuz hing, macht selbst diese Dunkelheit hell.
Gert Flessing

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