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Zu Fuß zu Franziskus

Auf 1368 Kilometern unterwegs von Eisenach nach Assisi – Auszug aus dem aktuellen Buch von Eberhard Grüneberg
Eberhard Grüneberg
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Eberhard Grüneberg
Eberhard Grüneberg, Jahrgang 1955, war von 2005 bis 2017 Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland. © Privat

Das Jahr 2007 stand in den Kirchen ganz im Zeichen des achthundertsten Geburtstages der heiligen Elisabeth. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen feierte zum Beispiel einen Elisabeth-Kirchentag in Eisenach mit Themenschwerpunkten, die sich aus ihrem Leben aufdrängten: zu den Werken der Barmherzigkeit, zu Armut, sozialem Engagement, Spiritualität und vielem mehr. Das waren auch relevante Themen für die Diakonie. So hatte auch ich einige Auftritte auf Podien und hielt Vorträge über Elisabeth. Bei der Vorarbeit für die Veranstaltungen wurde mir deutlich, wie stark die Landgräfin durch die Ideen von Franz von Assisi beeinflusst worden war. 1210, als sie gerade mal drei Jahre alt war und noch in Ungarn lebte, wurden die Regeln des durch Franziskus gegründeten Ordens der Minderen Brüder erstmalig päpstlich bestätigt. 1221, als sie vierzehnjährig heiratete und Landgräfin wurde, gab es bereits eine kleine Gruppe von Franziskanern, die am Fuße der Wartburg lebten und zu denen sie Kontakt hatte. Sie hatten sich demnach in einer für die damalige Zeit erstaunlichen Geschwindigkeit über Europa ausgebreitet.

Einer von ihnen namens Rodeger galt spätestens ab 1223 als Elisabeths geistlicher Berater, der sie natürlich auch mit der franziskanischen Armutsbewegung und den Idealen und Regeln des Ordens vertraut machte. Das hatte, wie wir wissen, nachhaltige Auswirkungen auf ihr Leben. Der unmittelbare gedankliche Austausch mit den Franziskanern endete erst, als Konrad von Marburg immer mehr Einfluss auf Elisabeth gewann und ab 1226 ihr geistlicher Berater und Führer wurde. Im selben Jahr starb Franziskus vor den Toren von Assisi. Er war vierundvierzig Jahre alt geworden, Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt neunzehn. Sie waren sich zwar persönlich nie begegnet, aber für Elisabeth blieb Franziskus eine Leitfigur. (…)

Der Gedanke, dass Elisabeth und Franziskus zu Lebzeiten im Geiste sehr verbunden waren, beschäftigte mich seinerzeit sehr. Ich begann darüber nachzudenken, einen spirituellen Brückenschlag von Eisenach nach Assisi zu versuchen. Die franziskanischen Gedanken waren von Assisi nach Eisenach getragen worden, in den Köpfen und Herzen von Franziskanern, die zweifellos diesen Weg zu Fuß gegangen waren. Das war zur Inspiration für Elisabeth geworden, deren daraus erwachsenes Handeln auch nach achthundert Jahren für alle, die in der sozialen Arbeit unterwegs waren, faszinierend und beispielgebend geblieben war. Auch für Evangelische und für die Diakonie. Nicht von ungefähr tragen viele diakonische Häuser ihren Namen.

Durch Elisabeth und später durch Martin Luther und Johann Sebastian Bach wurde Eisenach mit der Wartburg zu einem spirituellen Kraftort, der auf Christen aller Konfessionen weltweite Anziehung ausübte. Mich faszinierte zunehmend der Gedanke, ihn mit dem anderen spirituellen Kraftort, nämlich mit Assisi, von dem seinerzeit der Impuls, den wir heute »Option für die Armen« nennen, ausgegangen war, wieder zu verbinden. Und zwar so, wie es vor achthundert Jahren die Franziskaner getan hatten: zu Fuß! Aber nun als Evangelischer und mit dem Wissen darum, wie die Diakonie in Mitteldeutschland im Geist von Franziskus und Elisabeth und allen darauf folgenden Müttern und Vätern der Diakonie ihre soziale Verantwortung im Hier und Heute wahrgenommen hat. Solch ein Fußmarsch nach Assisi könnte meine ganz persönliche Antwort auf den franziskanischen Appell sein, sich um die Armen zu kümmern und zu zeigen, dass er von der Diakonie gehört und beherzigt wurde. Und meiner eigenen Spiritualität würde so eine Pilgerreise vermutlich auch guttun, dachte ich. Vielleicht wäre dieser Weg – zurück zur franziskanischen »Quelle der Barmherzigkeit« – genau die richtige Form für mich, um wieder geistlich aufzutanken.

Seit Jahren hing an der Wand über meinem Schreibtisch eine bunte Keramik, die Franz von Assisi zeigte, wie er in seiner Kutte, mit gelbem Heiligenschein und erhobenen Händen zu den ihn umschwirrenden Vögeln predigte. Seit diesem Elisabeth-Jubiläumsjahr sah ich ihn auf diesem Bildnis neu und anders an. Ich war noch nie in Assisi gewesen. Aber nach und nach wurde diese Stadt zu einem Sehnsuchtsort, der mich anzog. Ich wollte dorthin gehen. Unbedingt.

Jetzt kam es nur noch auf den richtigen Zeitpunkt an. Für eine solche Wanderung über tausendvierhundert oder tausendfünfhundert Kilometer veranschlagte ich mindestens einen Zeitraum von drei Monaten. (…) Bald wurde klar: Der einzig realistische Termin würde die Zeit unmittelbar nach der Versetzung in den Ruhestand sein.

Für Mitte Juni 2017 war meine Verabschiedung aus dem Dienst in der Diakonie Mitteldeutschland festgelegt – formvollendet, mit Gottesdienst und Empfang. Nichts war in den vergangenen Wochen und Monaten davor so oft Thema gewesen wie meine Pilgerreise. Auf die Frage, wie ich denn diesen krassen Wechsel in meinem Alltag – heute noch hundertprozentig im Arbeitsleben und morgen Ruheständler – verkraften wolle, war immer meine überzeugende, vor allem aber auch Erstaunen hervorrufende Antwort: »Ich möchte diesen Übergang nicht leichtnehmen, sondern ein Stück weit selbst gestalten. Deshalb werde ich eine ‚kleine Wanderung‘ unternehmen – von Eisenach nach Assisi!« »Alle Achtung!«, hörte ich daraufhin oft. (…) Ich bekam allerlei nützliche Reiseutensilien und sieben (!) Reisetagebücher geschenkt. Die Zeichen standen auf Start.

Eine Woche nach der Verabschiedung wollte ich am 27. Juni aufbrechen, direkt vor unserer Haustür in Eisenach. Die wenigen Tage dazwischen nutzte ich noch für Gartenarbeit und rückte dem Gras an einem kleineren Hang auf unserem Grundstück zu Leibe, erst mit der Sense und dann mit einem motorlosen Rasenmäher, der leidlich funktionierte. Am Abend merkte ich, dass meine Knie leicht spannten. Aber es war nicht sehr beeinträchtigend, und Knieprobleme kannte ich bis dahin nicht. Dann stand noch der Auszug aus meiner Wohnung in Halle an. Gemeinsam mit unserem Sohn Hermann und dessen Freund Konrad räumten wir sie aus. Danach war Wohnungsübergabe und die Rückfahrt nach Eisenach. Schon das Ausladen zu Hause schaffte ich nicht mehr!

Mein linkes Knie war kolossal angeschwollen. Die Diagnose meiner besorgten wie strengen Hausärztin Karin bei der Spontanuntersuchung am darauffolgenden Samstagmorgen – wir waren mit anderen zum Brunch bei Freunden eingeladen – lautete: Erguss im Knie, vermutlich durch Überanstrengung! Das Knie bandagieren, hochlegen und kühlen! Ich sollte am Montagmorgen zur Sprechstunde und sicherheitshalber zum Röntgen kommen. »Wandern am Dienstag? Das kannst du vergessen!«

Die nächsten Tage wurden schwierig. In Gedanken verschob ich den Aufbruch immer wieder für ein paar Tage; vielleicht Freitag oder Montag? Von anderen, die Leute mit Knieproblemen kannten, hörte ich öfter den »ermutigenden« Beitrag: »Knie? Das kann Monate dauern! Am besten verschiebst du deine Wanderung auf nächstes Jahr!«

Das war frustrierend. Noch nie hatte ich irgendeine Sorge mit einem Knie gehabt! Und nun das! Die ersten Tage, an denen ich nur sitzen und gar nichts machen konnte, deprimierten mich. Gedanklich war ich gar nicht mehr hier und wollte mich deshalb auch auf nichts anderes einlassen. Ich saß nur da, befühlte mein Knie und haderte mit der Situation. Aber es war ja klar: Ich konnte nur losgehen, wenn das Knie stabil und schmerzfrei war. Immerhin war die Schwellung schon etwas zurückgegangen. Aber das immer neue Festlegen von möglichen Startterminen half der Psyche nicht!

Anfang Juli war die Schwellung nahezu weg, aber das Durchbeugen ging nach wie vor schwer und war schmerzhaft. Ich probierte kleine Spaziergänge, setzte mich täglich für eine halbe Stunde auf das Ergometer zum Radfahren und ging schwimmen. Moderate Bewegung hieß das Zauberwort. Nach und nach ging es mir besser, am Wochenende um den 8./9. Juli war die Schwellung weg und das Knie war schmerzfrei.

Inzwischen waren meine Frau Diotima und ich übereingekommen, am 15. Juli gemeinsam aufzubrechen. Somit hatte ich noch eine Woche Zeit, mit kleinen, sich steigernden Wanderungen die Belastbarkeit des Knies zu testen. Also machte ich mich am Montag, den 10. Juli wandermäßig fertig, mit Outdoor-Hose, Merino-Shirt und Outdoor-Jacke, und startete morgens beschwingt und beschwerdefrei zum ersten Test. Nach nicht einmal zwanzig Minuten, ich war noch am östlichen Stadtrand, bekam ich plötzlich einen äußerst schmerzhaften Krampf in der rechten Wade! Meine letzten Wadenkrämpfe hatte ich als Zwanzigjähriger beim Fußball gehabt, und da auch nur, wenn es mal in eine Verlängerung ging. Im Normalfall kann man so einen Krampf durch Anspannen des Beines wieder auflösen. Das funktionierte aber beim besten Willen nicht. Ich musste umkehren und mühsam wieder nach Hause humpeln.

Da der Krampf sich weder im Laufe des Tages noch über Nacht löste, ging ich am Dienstag wieder zum Arzt. Die Diagnose nach Ultraschalluntersuchung lautete: Infolge Überlastung hatte sich vor zwei Wochen im rechten Knie eine Zyste gebildet, die beim Gehen geplatzt war. (…) Das vordringlichste Ziel war nun, das Wasser aus dem Bein zu kriegen. Das wichtigste Hilfsmittel dafür – und das empfand ich wirklich als Gipfel der Demütigung – war ein Stützstrumpf! Bilder aus meiner Kindheit, von massigen Frauen mit säulenartigen Wasserbeinen, die nur noch durch Stützstrümpfe in Form gehalten wurden, stiegen in mir auf. Links trug ich immer noch die Bandage, rechts nun also einen vom Orthopäden angemessenen Stützstrumpf für die komplette Beinlänge. Trotz mitgelieferter Anziehhilfe, einer Art seidige Socke, die beim Überziehen des Strumpfes ein besseres Gleiten ermöglicht, war durch die weitgehende Unbeweglichkeit des Knies das Anziehen des Strumpfes eine tränentreibende tägliche Tortur. Die inzwischen stattfindenden Lymphdrainagen entlasteten zwar spürbar die Wade, aber die Flüssigkeit verharrte im Knie, ließ es anschwellen und schmerzen. Damit war klar: Ein gemeinsamer Start mit Diotima am 15. Juli war eine Illusion! (…)

Mit einem Jahr Verspätung brach Eberhard Grüneberg am 14. Mai 2018 dann doch endlich auf. Wie es ihm auf seinen ersten Pilgeretappen ergangen ist, erfahren Sie in den nächsten Wochen hier. Oder Sie lesen es im Buch: www.eva-leipzig.de/product_info.php?info=p4926_Zu-Fu--zu-Franziskus.html

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