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Zu Fuß zu Franziskus

Auf 1368 Kilometern unterwegs von Eisenach nach Assisi – Auszug aus dem aktuellen Buch von Eberhard Grüneberg (Teil 4)
Eberhard Grüneberg
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    Eberhard Grüneberg, Jahrgang 1955, war von 2005 bis 2017 Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland. © privat

1. Woche (14.–20. Mai 2018):

Von Eisenach nach Schweinfurt

Fortsetzung DO., 17. MAI 2018

Meiningen — Mellrichstadt (23 km)

(…) Der Vollständigkeit halber rief ich auch im evangelischen Pfarramt an. Der Anrufbeantworter versprach, dass der Pfarrer in dringenden Fällen, wenn ich meinen Namen samt Telefonnummer hinterließe, zurückrufen würde. Es erschien ihm nicht dringend. Ich wartete bis dreizehn Uhr auf einen Rückruf. Dann rief ich in der Tourismusinformation an. Die freundliche Dame war auch erst mal verdutzt. »Die Via Romea ist ja nicht so bekannt wie der Weg nach Santiago. Deswegen haben wir hier nicht so viele Pilgerherbergen. In ein Hotel wollen Sie ja wahrscheinlich nicht?« Ich wieder: »Das passt doch nicht zum Pilgern!« »Jaja, das stimmt! Aber mit dreißig bis fünfunddreißig Euro müssten Sie schon rechnen.« »Das ist völlig okay!« »Gut, dann probiere ich es und rufe Sie in der nächsten Stunde zurück.« Ich machte eine Pause und legte mir das Telefon zurecht.

Schon nach zehn Minuten kam der Rückruf! »Ich habe ein Zimmer für Sie – beim Griechen! Zwar so im siebziger Jahre-Stil, aber sauber. Für siebenundzwanzig Euro inklusive Frühstück.« »Das ist wunderbar! Melden Sie mich bitte an!« »Und wenn Sie in Mellrichstadt sind und noch etwas Zeit haben – das Zimmer steht nämlich erst gegen siebzehn Uhr zur Verfügung – dann schauen Sie doch bei uns vorbei! Wir würden uns freuen!« »Gerne, wenn ich zeitig genug da bin, mache ich das!«

Der Sülztalradweg schlängelte sich durch sattgrüne Hügel und Täler und überquerte bald die ehemalige Grenze zwischen Thüringen und Bayern. Dabei umrundete er einen Hügel, auf dem neben einem alten Wachturm ein großes Kreuz aufgerichtet war. Vermutlich feierten hier die umliegenden Gemeinden regelmäßig Gottesdienste. Die Grenzöffnung war nun schon fast dreißig Jahre her, aber es ging mir hier ebenso wie fast jedes Mal, wenn ich durch das Werratal bei Creuzburg und Treffurt radelte, dass ich dachte: Was für eine wunderbare Landschaft den Menschen durch das Grenzregime für Jahrzehnte einfach vorenthalten wurde! Gottlob war dieser Wachturm der letzte Rest, der davon hier zu sehen war. Gott sei Dank! Der Weg ins Zentrum von Mellrichstadt führte direkt zur großen stattlichen katholischen Pfarrkirche. Sie sah von außen beeindruckend aus. Für mich hatte der Anblick einen schalen Beigeschmack. So wuchtig, so dominierend, so beherrschend wirkte das Gebäude nach außen! Aber wie schwächlich und kläglich ließ so eine kleine Anfrage um Unterstützung das Innenleben erscheinen. Ist diese Pilgerei nur als Modeerscheinung für säkulare Sinnsucher so anziehend und für kirchliche Amtsträger und Mitarbeitende so lästig wie das Klingeln von Bettlern an der Haustür?

Ich ging auf den Markt, erfrischte mich mit einem Radler und einem Milchkaffee und schrieb in mein Reisetagebuch. Und hielt Ausschau nach der Tourismusinformation. Der Sülzetalradweg war reizvoll gewesen, mal abgesehen davon, dass es immer über Asphalt ging. Aber er führte größtenteils durch ein grünes abgelegenes Tal mit großen bunten Blumenwiesen. Als Schmerztherapie funktionierte heute der Ibu-600-Einsatz gut: morgens gegen acht eine halbe, dann wieder gegen elf und noch mal gegen zwei! Alle drei Stunden aufgefrischt, ließ es sich so ganz gut laufen. Die Touristinformation war gleich neben dem Café, in dem ich saß. Aber leider war meine freundliche Unterstützerin nicht mehr da. Eine mich neugierig anblickende junge Frau, die nun hinter dem Tresen saß, hörte sich meine Dankesworte an und wusste von nichts.

Die Aufnahme beim Griechen war freundlich und das Zimmer schlicht und ausreichend für siebenundzwanzig Euro mit Frühstück. Ich bestellte dann auch gleich noch ein Abendessen und ein Glas Bier und machte anschließend einen kleinen Stadtrundgang an der alten Stadtmauer. Das Viertausend-Seelen-Städtchen war schnell umrundet. Die evangelische Gustav-Adolf-Kirche stand außerhalb der Stadtmauer. Ich folgte dem Hinweisschild und fand sie – was für eine Überraschung, es war immerhin schon gegen acht – geöffnet. Ein schöner, schlicht reformiert anmutender und schon im fahlen Dämmerlicht scheinender Raum umfing mich. Ich nahm wieder ein Gesangbuch und sang Abendlieder: den »Mond«, »Abend ward«, und auch »Vertraut den neuen Wegen«. Das Lied überraschte mich plötzlich: »… weil Leben heißt sich regen, weil Leben wandern heißt!« Ich kannte natürlich Klaus-Peter Hertzschs Lieblingsbild von Kirche, nämlich das »wandernde Gottesvolk«. Aber nun fühlte ich mich ganz neu und unmittelbar angesprochen.

An diesem Abend merkte ich zum ersten Mal ganz deutlich, dass aus meiner Wanderschaft doch eine geistliche Pilgerfahrt werden würde. Trotz gelegentlich ausladenden »Bodenpersonals« taten mir die Kirchenräume gut. In ihnen zu sitzen, sie auf mich wirken zu lassen und zu schweigen, war bereits erbaulich. Richtig wohl war mir aber dann, wenn ich ein paar Choräle in den Kirchenraum hineingesungen hatte, als Lob- und Dankgebet und zur eigenen Freude. Draußen ließ ich meinen Blick aufs große Pfarrhaus nebenan schweifen. Schade, dass sich der Pfarrer nicht gemeldet hatte. Ich ging wieder zum Griechen und kam mit dem Wirt ins Plaudern – und leider auch ins Trinken. Nach drei Vierteln Wein und mehreren Ouzo war ich schlagseitig und wankte ins Bett. Am nächsten Morgen, besonders bei der Rückengymnastik, war klar: So geht’s nicht!

FREITAG, 18. MAI 2018

Mellrichstadt — Bad Neustadt (20 km)

Nach einem guten Frühstück im »Thessaloniki« ging die Route nun entlang der Streu, identisch mit dem Streu-Radweg. Sehr idyllisch, meist etwas abseits der Straße. Nach einer halben Stunde musste aber erstmal die Herbergsfrage geklärt werden. Der erste Anruf im katholischen Pfarrzentrum Mariä Himmelfahrt war gleich ein Treffer: »Morgen, am Pfingstsamstag, san mer voll. Aber heit geht’s no!« Da schien es besser, gleich auch noch für den Samstag vorzusorgen. Eine Dame in der Stadtverwaltung von Münnerstadt verwies mich an eine Frau Düring. Ein Anruf – und auch das klappte. Nun lief ich im beschaulichen Streutal ganz entspannt Bad Neustadt entgegen: durch Orte mit witzigen Namen wie Oststreu, Mittelstreu, Heustreu … Abstecher nach West-, Nord- und Südstreu hätten mich leider zu viel Zeit gekostet.

Zwei, drei Stunden war ich ziemlich gedankenverloren den Radweg marschiert. Ich hatte an nichts gedacht. Mein Kopf war wie ausgeräumt, oder sollte ich besser sagen: wie aufgeräumt! Mir wurde bewusst, dass ich gar kein richtiges Thema hatte, das ich auf dem Weg gedanklich bearbeiten konnte. Davon gingen viele aus, wenn man zu einer Pilgerreise aufbrach, dass es etwas zu klären geben müsse! Im eigenen Leben, im Glauben oder philosophische Fragen. Das wäre bei mir sicher auch so gewesen, wenn meine Reise schon vor einem Jahr stattgefunden hätte. Da war ja mein Thema der »gefährliche Graben« zwischen Arbeit und Ruhestand.

Aber dieses Thema war mir abhanden gekommen. Ich hatte, trotz meiner »Zwangsruhigstellung«, keine großen Probleme mit dem Übergang gehabt. Verschiedene Beschäftigungen, wie Theaterspielen, Italienisch lernen oder im Wald wochenlang Bruchholz aufarbeiten, hatten mir seit Anfang dieses Jahres nicht viel Zeit zum Grübeln gelassen. Dann hatte ich mich noch ansprechen lassen, um in den Gremien zweier diakonischer Einrichtungen mitzuarbeiten. Hier noch ein paar Erfahrungen einbringen zu können, fand ich auch nicht schlecht, weil die Botschaft hinter solchen Anfragen lautete, dass einem freundlicherweise unterstellt wurde, nicht unmittelbar nach dem Eintritt in den Ruhestand zu verblöden. Alles in allem empfand ich also den Übergang vom aktiven Berufsleben in die Zeit selbstbestimmter Aktivitäten als schmerzfrei und gelungen. Und als Fragestellung abgehakt.

Was bedeutete dies für den Pilgerweg? Ich merkte, dass an einem Tag, der vor allem aus der sehr existenziellen Beschäftigung des Gehens bestand, sich die Gedanken vor allem um ebenso existenzielle, vielleicht banal erscheinende Fragen drehten: Wo gibt’s was zu essen, wo werde ich

heute schlafen, wie wird das Wetter? Sobald diese Fragen geklärt waren, neigte mein Gehirn beim Pilgern durch die Landschaft, insbesondere dann, wenn der Weg eindeutig klar war und es sich wie heute um einen asphaltierten Radweg handelte, zum Umschalten auf Standbybetrieb.

Gegen fünfzehn Uhr bog ich nach leichter Wanderung auf den Marktplatz von Bad Neustadt ein. Die Freisitze einiger Cafés luden zum Verweilen und Ankommen ein. Aber ich hatte noch keine rechte Ruhe zum Hinsetzen und wollte erst mal die Übernachtung regeln.

Das Pfarrzentrum war gleich hinter dem Markt neben der Kirche. In die ging ich aber doch zuerst und war überrascht von ihrer feinen Pracht. Rundum im Schiff standen große Säulen, noch mehr im Chorraum. Der klassizistische Bau kam mir vor wie dem Tempel Salomos nachempfunden. Aber nicht prunkvoll golden, sondern Wände, Decken und Säulen strahlten in blendendem Weiß. Die viereckige Decke, übergehend in ein Tonnengewölbe, war geformt wie die Bundeslade. Und der separierte kreisrunde Chorraum entsprach dem »Allerheiligsten«, mit einem modernen eindrücklichen Christus, der vorn über allem schwebte. Dazu eine sich von der festlichen weißen Schlichtheit wunderbar abhebende, zart wirkende, goldglänzende Madonna. Ich saß eine Weile im Kirchenschiff und merkte, dass mich Mattigkeit überkam. (…)

Nach einer wieder einigermaßen aufregenden, aber erfolgreichen Suche nach einer Unterkunft endete der Tag mit einem idyllischen Abendessen auf einer Bank in der Abendsonne. Nach zehn Wochen Unterwegssein, 1 368 gelaufenen Kilometern, unzähligen bereichernden Begegnungen und Eindrücken erreichte Eberhard Grüneberg am 21. Juli 2018 Assisi.

Hiermit endet unser Vorabdruck seines Pilgerberichtes. Wer ihn weiter auf seinem Weg begleiten möchte, dem sei das Buch »Zu Fuß zu Franziskus« ans Herz gelegt: www.eva-leipzig.de/product_info.php?info=p4926_Zu-Fu--zu-Franziskus.html

 

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