Kirche in schwerer See

Seenotrettung: Über die kirchliche Beteiligung an Rettungseinsätzen im Mittelmeer ist Streit ausgebrochen. Der Landesbischof hat zur offenen Debatte aufgerufen. Es scheint dabei aber auch um Grundsätzliches zu gehen.
Von Stefan Seidel
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© Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Für die einen ist es der Kern christlicher Werte, für die anderen ein rotes Tuch: die kirchliche Beteiligung an der Seenotrettung im Mittelmeer. Nachdem vor reichlich einem Monat das aus kirchlicher Initiative bereitgestellte Rettungsschiff »Sea-Watch-4« in See gestochen ist und die ersten Menschen gerettet hat, schlagen die Wellen der Kritik insbesondere in Sachsen hoch.

In einem Interview mit der »Freien Presse« Anfang September hat der Leipziger Landessynodale Till Vosberg diese Kritik so auf den Punkt gebracht: »Im Mittelpunkt der Kritik steht die ›Verschiffung‹ junger Männer aus Afrika und deren Verbringung nach Europa statt in die – regelmäßig näher gelegenen – Häfen Nordafrikas. Dies animiere zum Aufbruch.« Gleichzeitig betonte er, dass es auch bei den Gegnern der kirchlichen Beteiligung an der Seenotrettung Konsens sei, dass kein Mensch zur Abschreckung von Flucht ertrinken dürfe. Gleichwohl höre er von Kritikern das Argument, dass es in hohem Maße unchristlich sei, den afrikanischen Nationen ausgerechnet die Jungen und Starken zu entziehen, denn nur jene seien es, die sich auf den Weg machen könnten.

Auf die Frage, ob die fast 8000 Menschen, die im letzten Jahr die Landeskirche Sachsens verlassen haben, dies auch wegen Aktionen wie der »Sea-Watch 4« getan hätten, antwortete Vosberg: »Ja. Und vielleicht auch, weil ihre Frömmigkeit in Abrede gestellt wird, wenn sie die in weiten EKD-Kreisen postulierten Meinungen nicht teilen.« Ebenfalls Anfang September hatte sich Landesbischof Tobias Bilz zu diesem Thema in einem Internet-Video auf Facebook zu Wort gemeldet. Darin wünschte er sich einen offenen Dialog zur kirchlichen Seenotrettung innerhalb der Kirche. Zu dem Argument, das Rettungsschiff animiere zur Flucht, sagte er: »Mir fehlt die Phantasie dazu, zu glauben, dass ein einzelnes Schiff auf dem Mittelmeer solch eine Wirkung entfaltet, dass in weiten Teilen Afrikas die Menschen sagen: ›Ja, wenn das so ist, mache ich mich auf den Weg.‹« Bilz brachte eine biblische Sicht auf das Thema in die Debatte ein: »Jesus hat vor allem in der Bergpredigt ganz klar die Aufmerksamkeit auf die gerichtet, die aus irgendeinem Grund unter die Räder gekommen sind, benachteiligt sind, weniger geachtet sind, unter die Räuber fallen, verurteilt werden oder keine Lebensperspektive haben. Und Jesus hat klar zum Ausdruck gebracht, dass die, die zu ihm gehören, für diese Menschen da sind.« Bilz warb für Empathie und Perspektivwechsel anhand der Goldenen Regel: »Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.«

In den Internet-Kommentaren zu dem Bischofs-Video überwiegt die Zustimmung zur kirchlichen Beteiligung an der Seenotrettung. Eine Kommentatorin schreibt: »Ich bin für Seenotrettung. Ich möchte selbst Hilfe in Not erhalten. Als Ärztin ist es mir nicht vorstellbar, über Hilfe ja/nein zu entscheiden.« Doch es wird auch kritisch gefragt, was nach der Rettung geschehen soll. Ein Diskutant schreibt, »die Verschiffung von Flüchtlingen« und »die damit verbundene illegale Einreise nach Europa« halte er für verfehlt. Denn die Aufnahmekapazität in Europa und Deutschland sei begrenzt. Das viel zitierte Gleichnis vom Barmherzigen Samariter sei ihm zufolge nicht geeignet, die kirchliche Beteiligung an der Seenotrettung zu rechtfertigen. Der Samariter habe in einem Einzelfall geholfen und »keine Karawanen ausgeschickt, um im Nachbarland Judäa mögliche Räuber-Opfer aufzuspüren und zu versorgen«.

Es scheint bei dieser Frage auch ein unterschiedliches Verständnis von Kirche aufeinanderzutreffen. Während das Evangelium für die einen immer wieder auch in den Bereich politischen Handelns hineinführt, wünschen sich die anderen eine Konzentration auf reine Glaubensfragen und eine Entpolitisierung der Kirche.

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