Kirche – was bleibt, was kommt?

Reformationstag: Die Kirche steht unter Veränderungsdruck. Doch: Muss sich die Kirche ständig ändern? Und wenn ja, in welche Richtung? Die Reformation lehrt, den Blick immer wieder auf Gott zu richten.
Von Thilo Daniel
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Der Satz »Ecclesia semper reformanda« (»Die Kirche muss immer wieder erneuert werden«) sei eine Grundeinsicht der Reformation. Immer wieder ist das zu lesen und zu hören. Der akribische Theologe Theodor Mahlmann hat sich auf die Suche nach den Ursprüngen dieser vermeintlichen reformatorischen Einsicht gemacht. Das Ergebnis: Die Suche führt nicht weiter als bis ins Jahr 1947 zurück. Der Urheber der Wendung war wohl Karl Barth. Für eine Festschrift im Jahr 1952 wurde sie aufgegriffen und von Hans Küng populär gemacht. Gewiss: Aus dieser Entstehungszeit heraus ist die Wendung nachzuvollziehen. Sie spricht für den tiefliegenden Wunsch nach Veränderung in den Kirchen nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Holocaust. Sie spricht für den Geist der Zeit, der einer der Veränderung war. Ein gewisser Fortschrittsglaube wohnt der Wendung inne. Das hätte einen Verdacht wecken können. Doch zu sehr lag die Vermutung nahe: Das hätte doch Martin Luther gesagt haben können. Dann hätten wir ein starkes Wort für unsere Zeit.

Dabei war es den Müttern und Vätern der Reformation gar nicht so sehr um ständige Veränderung gegangen, sondern darum, was eigentlich feststeht. »Das Wort sie sollen lassen stahn«. Martin Luther hat es gedichtet in seinem Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«. In knappen Worten erzählen die Verse von dem, was für die Bewegung der Reformation wirklich wichtig war: Eine feste, unveränderliche Mitte für den Glauben, die in Krisenzeiten Bestand hat. Bevor Luther im 19. Jahrhundert zum Standbild erhoben und zu einem der verheerenden »Starken Männer« der Geschichte verklärt wurde, hat er nicht zuletzt durch seine seelsorgerlichen Lieder gewirkt. Er hat es immer wieder in Erinnerung gerufen: Es gibt keinen Glauben ohne Anfechtunng. Martin Luther kannte den Zweifel gut. Der Zweifel hatte ihn auf die Suche gehen lassen, die ihn den gnädigen Gott wiederentdecken ließ. »Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.« So lässt sich das mit dem Tagesspruch zusammenfassen und damit genau bei diesem Schriftwort bleiben – ohne einen »(Ge-)Dank(-en) dazu« zu haben. So Martin Luthers Wunsch für den Umgang mit dem Schriftwort.

Suche ich nun nach dem starken Wort, so komme ich in diesem Jahr immer wieder zur Jahreslosung zurück. Sie lässt mich nicht in Ruhe: »Ich glaube; hilf meinem Unglauben!« Am 5. Januar hat Jürgen Ziemer an dieser Stelle eine wegweisende Auslegung für dieses Jahr gegeben. Noch nicht um die Herausforderungen wissend, die eine Pandemie für uns zeitigen sollte, hat er gesagt: »Leicht nachzusprechen ist das Wort nicht. Das fängt schon an bei dem ›ich glaube‹.« Ziemer, Lehrer der Seelsorge, fährt fort: »Im Grunde darf man dem Unglauben im eigenen Glauben sogar ein bisschen dankbar sein: er ist die Brücke zu den vielen Menschen um uns, denen der Glaube fremd geworden ist. Sie sind uns nicht so fern und wir ihnen nicht.«

Zweifel statt starker Worte? »Zweifel« ist ein starkes Wort. Ich wünsche mir, dass wir offen zu unseren Fragen und Zweifeln stehen. Die Offenheit, vor Gott zu den Zweifeln zu stehen, gibt eine neue Sicht auf die Dinge. Wie für den bittenden Vater, der aus der Jahreslosung zu uns spricht. Zuvor hatten die Jünger verklärt den Himmel auf Erden gesucht. Jetzt werden sie an ihre Nächsten gewiesen, die der Hilfe bedürfen. »Ich glaube; hilf meinem Unglauben!« Was geschieht, wenn wir in dieses Bekenntnis einstimmen? Wir werden dann weder ständig alles ändern wollen oder alles ändern müssen. Doch müssen wir damit rechnen, dass wir völlig verändert werden. Jeden Tag neu. »Ecclesia semper reformanda.« Wenn der Satz etwas mit der Reformation zu tun hat, dann meint er wohl am ehesten mich und dich.

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