Dammbruch bei Sterbehilfe?

Suizidbeihilfe: Angesichts des Vorschlags hochrangiger Protestanten, den assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen zu ermöglichen, ist in der Kirche Streit ausgebrochen.
Von Stefan Seidel
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© Foto: Juergen Blume/epd-bild

Die evangelische Kirche hat eine Woche harter Debatten um eine mögliche kirchlich-diakonische Bejahung des sogenannten assistierten Suizids hinter sich. Die Lawine ins Rollen gebracht hatte ein Artikel mit der Überschrift »Den assistierten professionellen Suizid ermöglichen« von Diakonie-Präsident Ulrich Lilie und den Theologieprofessoren Reiner Anselm und Isolde Karle am 11. Januar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Darin plädieren die prominenten Prote­stanten für eine Neupositionierung der Kirche in der Beurteilung des assistierten Suizid als Form der Sterbehilfe und für dessen Ermöglichung in evangelischen Einrichtungen. Die Selbstbestimmung des Menschen anzuerkennen »bedeutet, den unterschiedlichen Formen, das eigene Leben zu gestalten, Respekt entgegenzubringen – auch wenn sich diese Gestaltung darauf bezieht, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen«, heißt es.

Vor dem Hintergrund des Bundesverfassungsgerichtsurteils vom Februar 2020, das mit Verweis auf das Recht auf selbstbestimmtes Sterben die Assistenz beim Suizid erlaubte, regen Lilie, Anselm und Karle nun die Umsetzung dieser Rechtslage auch in den kirchlichen Einrichtungen an. Es gelte, »entsprechende Möglichkeiten durch besonders qualifizierte interdisziplinäre Teams in den Einrichtungen zuzulassen«. Bei dieser ethischen Akzeptanz der Suizidbeihilfe müsse allerdings sichergestellt sein, dass der Wunsch nach Suizid tatsächlich der Wunsch des Sterbewilligen sei. Deshalb soll eine vorherige Beratung durch eine anerkannte Stelle sowie die seelsorgerliche Begleitung durch Gemeindepfarrer sichergestellt sein.

Was folgte, war ein Sturm der Entrüstung. Der Bochumer Theologieprofessor Günter Thomas bezeichnete den Vorschlag von Lilie, Anselm und Karle als »Irrläufer« und widersprach: Die Entscheidung zum Suizid sei immer ein Urteil über lebenswertes und nicht lebenswertes Leben, wozu aus christlicher Sicht niemand das Recht habe. »Im Licht der aufrichtenden Barmherzigkeit Gottes hat kein Mensch das Recht und die Einsicht, das Urteil ›Nicht lebenswert, sondern todeswürdig‹ zu fällen. (…) Das göttliche Urteil der Barmherzigkeit widersteht allem vernichtend-unbarmherzigen menschlichen Urteil.« So bleibe für Christen jeder Suizid die Tragödie eines tödlichen Irrtums. »Jede Assistenz beim Suizid wäre aber eine faktische Zustimmung zu diesem aus der Bedrängnis geborenen Urteil über lebenswertes und nicht lebenswertes Leben«, so Thomas weiter. »Die geforderte kirchliche Flankierung des assistierten Suizids böte darum nicht Barmherzigkeit, sondern im Lichte der Barmherzigkeit Gottes eine falsche Versöhnung mit dem von den Betroffenen erfahrenen Elend.«

Das von Gottes Barmherzigkeit ausgehende Nein zum Suizid und seiner Beihilfe möge auf den ersten Blick hart erscheinen, so Thomas. Aber es sei dieses Nein, das im wirklichen Leben, das heißt in den Grauzonen der nichtheroischen Selbstbestimmung einen realen Schutzraum des Vertrauens und der Fürsorge für gefährdetes und selbstgefährdetes Leben öffne.

Auch der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm widersprach: »Es ist aus meiner Sicht ein Missverständnis von Selbstbestimmung, wenn ihre höchste Erfüllung darin bestehen soll, dass Menschen sich das Leben nehmen.« Suizid sei immer etwas Tragisches, immer eine Niederlage.

Inzwischen stellte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) klar: »Niemand von uns will den Tod organisieren.« Es gehe um einen Aufschlag »zu einer anstehenden, nachdenklichen und differenzierten Debatte über die Frage, wie wir respektvoll, wertegebunden und ergebnisoffen mit dem Willen von Betroffenen umgehen«. Er wünscht sich, dass diese Debatte offen geführt werde und »nicht zu schnell der Deckel draufgelegt wird«.

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