1700 Jahre hier verwurzelt

Jüdisches Leben: Seit 1700 Jahren leben Juden in Deutschland – an diese gemeinsame Geschichte wird 2021 erinnert. Ob daraus etwas gelernt wurde, entscheidet sich in der Gegenwart.
Von Stefan Seidel
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Am 21. Februar wird mit einem Festakt das Jubiläumsjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« eröffnet, zu dem bundesweit mehr als 1000 Veranstaltungen geplant sind. Den Auftakt bildet am Sonntag ein Festakt in Köln, bei dem der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Schirmherr des Jubiläumsjahres, als Redner spricht. Wegen der Pandemie findet die Veranstaltung ohne Publikum statt, wird aber in der ARD live übertragen.

Außerdem soll ab Mai ein »Bus der Begegnung« bundesweit Station in Innenstädten machen und unter anderem jüdische Speisen servieren. Einer der Höhepunkte des Jahres soll vom 20. bis 27. September das weltweit größte Laubhüttenfest werden. Zum »Sukkot XXL« sind in ganz Deutschland Menschen eingeladen, Laubhütten zu bauen und dort Begegnungen zu ermöglichen.

Anlass für das Festjahr ist das 1700. Jubiläum des ersten urkundlichen Nachweises jüdischen Lebens in Mitteleuropa: Am 11. Dezember 321 hatte der römische Kaiser Konstantin die Stadtoberen in Köln per Edikt angewiesen, Juden Bürgerrechte einzuräumen und öffentliche Ämter ausüben zu lassen. »Wenn wir auf diese 1700 Jahre zurückblicken, sehen wir, wie prägend jüdisches Leben für die deutsche Kultur war«, sagt Pfarrer Joachim Gerhardt, zweiter Vorsitzender des Vereins »321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«, der das Jubiläumsjahr organisiert. Das Festjahr solle die Wertschätzung dafür deutlich machen.

Auch für Hildegart Stellmacher, Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden, ist dieses Jubiläum etwas Besonderes. Jüdisches Leben sei länger hier, als es Deutschland gibt, betont sie. Es gehe mit diesem Festjahr darum, »auf die ganze Vielfalt, auf das vielfältige Ganze zu schauen«. Um den Blick auf die Beziehungen zu lenken, möchte die Dresdner Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in diesem Jahr unter anderem Veranstaltungen zum Zusammenleben in Sachsen und Böhmen anbieten. Geplant sind Studienfahrten in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Teplice, um sich mit der jüdischen Geschichte und Gegenwart in Böhmen vertraut zu machen.­ Auch die EKD-Initiative »Näher, als du denkst« () soll unterstützt werden. Immer wieder gehe es – auch in der Bibelauslegung – darum, alte Vorurteile durch Lernen zu überwinden. Stellmacher wünscht sich, dass die Vielfalt der Gesellschaft allgemein anerkannt würde und »das idiotische Wir der eingeborenen Deutschen, das alle anderen ausgrenzt und fremd macht«, überwunden werde.

Für Nora Goldenbogen vom Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden ist das Jubiläumsjahr Anlass, die »wechselvolle, ja dramatische Geschichte« jüdischen Lebens auf deutschem Boden, die in die Schoah führte, in den Blick zu nehmen. Doch es gehe auch um die Gegenwart. Denn: »Die Schoah war nicht das Ende, sondern diesem fürchterlichen Ende folgte ein neuer Anfang und wir, alle heutigen jüdischen Gemeinden in Deutschland verkörpern diesen Neuanfang.«

Doch die heutige Situation der Jüdinnen und Juden in Deutschland betrachtet sie auch mit Sorge – nicht nur wegen der jüngsten antijüdischen Anschläge. Schockiert zeigt sie sich von der Tatsache, dass sich bei den großen »Corona-Leugner«-Demonstrationen viele Demonstranten Davidssterne mit der Aufschrift »ungeimpft« angeheftet haben. Um diesen gärenden Antisemitismus nachhaltig zu überwinden, werde Goldenbogen zufolge ein historisches Jubiläum nicht ausreichen. »Ich denke, hier wird auf lange Zeit noch viel zu tun sein.« (mit epd)

Weitere Informationen: www.2021jlid.de

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