Kirche zwischen den Stühlen?

Politik und Kirche: Gerade vor einer Wahl werden Antworten auf die Probleme der Zeit versucht. Welchen Beitrag kann die Kirche leisten?
Von Stephan Bickhardt
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Die große Herausforderung, vor der wir im Pfarrdienst heute stehen, ist, dafür zu sorgen, dass eine seelsorgerliche Atmosphäre entsteht, in der das Wort der heilsamen Botschaft gehört werden kann und die Beteiligten ihre unterschiedlichen Perspektiven zu den politischen Fragen äußern.

Die Frage ist, ob wir die aktuellen und relevanten Fragen zulassen, besprechen und dies auch öffentlich vernehmbar tun oder ob wir uns zurückziehen. Die Kirche kann nur dort politisch relevant sein, wo sie erkennbar ist in Seelsorge und Verkündigung aktualisierter Bibelworte. Ohne dieses Erleben des reinen Geschenkes von Gnaden- und Freiheitszusage und ohne Menschen in seelsorgerlicher Haltung sowie ohne Leute, die sich der Diesseitigkeit Gottes stellen oder sogar ausliefern, wäre ich nicht Pfarrer geworden.

Ich sehe die Gefahr einer Mut- und Alternativlosigkeit. Ich fragte kürzlich einen Freund, einen Arzt und Christ, er möge mir sagen, was er von der Kirche heute erwarte. Nach einer Stunde sagte er plötzlich: die Kirche solle Alternative sein. Denn im Räderwerk des heutigen Alltages fühlen sich viele ohnmächtig und finden sich bloß vor – und die Pandemie hat dies auch noch verstärkt.

Wir stehen vor einer theologischen Herausforderung, nicht weil Gottes Zusage an uns sich in irgendeiner Weise geändert hätte, sondern weil die Welt des Menschen in seiner Freiheit unsere Lebensgrundlagen verändert. Finanzmärke sind zu Treibern der Wirtschaft geworden, der Sozialstaat regelt – für Arme nicht hinreichend genug. Da wir wissen können, dass sich der CO2-Ausstoß in die Luft erst nach 100 Jahren abbaut, wissen wir um Zwänge, die auf uns zukommen.

Der Pädagoge Adolf Reichwein schrieb am Osterfest 1944 einen Brief aus Kreisau und hielt darin fest, was Zielrichtung des herausgeforderten Lebens ist: »die Aktion mit der Kontemplation lebendig zu verbinden.« Reichwein erkannte in der christlichen Kontemplation eine Art Stiftungssinn des Lebens. Während der Zeit des Widerstands und in Haft sprach er täglich bewusst das Vaterunser laut und trat in eine Betrachtung ein. Dieser Osterbrief Reichweins ist ein Zeugnis dafür, dass die Traditionen des Widerstands für ein neues Europa nicht ohne den Bezug zu einem ganz eigenwilligen Glaubenszeugnis zu denken und zu verstehen sind.

Klimagerechtigkeit, Zukunft der Erde – fürbittendes Handeln der Kirche ist zweifellos eine aktuelle Herausforderung, die drängt. Es geht jetzt wieder um die Werte und die Kraft des Geistes: in freier Übereinkunft streitbar Kompromisse aushandeln. Die Kirchen können hier die grundlegende spirituelle Kraft, die Würdigung des Lebens durch Gott und die enorme Kraft vom Bild des leidenden und Leid überwindenden Christus aussenden. Die Herausforderungen für Gesellschaft und Politik sind womöglich größer als die für Kirche und Gemeinde. Wir sollten nicht nur uns selbst im Spiegel sehen. Wir sollten den Spiegel so aufstellen, dass wir uns im Kreis der anderen sehen.

Das Wort der Bibel trifft in seinem Anspruch immer wieder auf den Menschen. Ich denke: Gebet, Einkehr in Ursprungspassivität bei mir selbst und das Annehmen der Herausforderungen – das lässt hingehen mit dem Wort, das tröstet und heilt. Und das lässt zugehen auf die prophetischen Gruppen, die etwas wagen. Diese und ganze Teile von Kirche und Diakonie arbeiten an der Solidarität mit dem Osten unseres Kontinents und dem Süden unserer Welt. Welche Fähigkeiten von Pfarrerinnen und Pfarrern sind jetzt aufgerufen? Die seelsorgerliche Atmosphäre herstellen, hoffentlich mehr und mehr das Gespräch in Gruppen und Initiativen in Gang bringen und bald mehr liturgische Gebräuche von der Gabe des Lebens anbieten. Aktion wird dann nicht lange auf sich warten lassen.

Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Sachsens.

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