Liebe die Erde, sie liebt zurück

Garten: Das Ehepaar Luther gärtnerte mit großer Leidenschaft. Ihr Garten brachte reichlich Frucht. Der Reformator warb für einen pflegenden Umgang mit der Natur – und hat in Wittenberg Nachfolger.
Von Stefan Rhein
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© Foto: coco – stock.adobe.com

Die Melonen wachsen und wollen riesigen Raum einnehmen, ebenso die Kürbisse und Wassermelonen – damit du nicht denkst, eure Sämereien seien vergeblich geschickt.« Dies schrieb Martin Luther vor rund 495 Jahren, am 5. Juli 1527, an seinen Freund Wenzeslaus Linck. Dieser lebte in Nürnberg, hatte als Wittenberger Augustinermönch eng mit Luther zusammengearbeitet und wurde unter dessen Einfluss reformatorischer Theologe. In Nürnberg hatte die Gartenkultur mit reichhaltigen Obst-, Gemüse- und Kräutergärten einen hohen Stand.

Luther bezog Samen aus Nürnberg und aus Erfurt, seitdem er zwei Jahre nach seiner Hochzeit die Begeisterung für den Gartenbau entdeckt hatte. Ein Garten war für den Reformator ein Ort voller göttlicher Segnungen und ein Lieblingsort, von dem er sagen konnte: »Wenn ich am Leben bleibe, will ich Gärtner werden.«

Erfurt war schon zu Luthers Zeiten berühmt für seine Züchtungen, so dass er seinen dortigen Freund Johann Lang um Rettichsamen bat: »Bitte denke daran, mir die größten Erfurter Riesenrettiche zu schicken. Die will ich als ein Wunder unseren Leuten zeigen zum Ruhme eures Gartenlandes; wenn du mir außerdem davon noch etwas Samen senden könntest, wäre es mir sehr lieb.« Mit seiner Frau Katharina legte Luther hinter dem Schwarzen Kloster einen Garten an, einen Nutzgarten mit Gemüse, Obst und Kräutern. Katharina kaufte sogar zusätzliche Flächen, oder präziser formuliert: sie drängte ihren Mann so lange zum Kauf, bis er nachgab, denn verheiratete Frauen waren nicht geschäftsfähig. »Ich konnte ihren Bitten und Tränen nicht widerstehen«, so Luther.

In den Gärten der Luthers wuchs eine Vielzahl von Gemüse- und Obstsorten. Zu den bereits erwähnten Kürbissen und Rettichen kamen noch Kohl, Äpfel, Birnen, Weintrauben, Kirschen, Pfirsiche, Quitten und Nüsse hinzu. Weniger bekannt sind heute Speierlingsbäume mit ihren apfelähnlichen Früchten, die nach längerer Lagerung weich werden und süßsauer schmecken, sowie Mispelbäume mit ihren ebenfalls runden Früchten. Katharina konnte im milden Klima sogar Safranpflanzen anbauen, außerdem Pomeranzen, Feigen und Lorbeerbäume. Luther besorgte auch Pfropfreiser für Apfelbäume, offensichtlich um die Bäume durch Pfropfen zu kultivieren. Die häufigste Apfelsorte in seinem Garten war der Borsdorfer.

Während die Hausherrin im Jahr wohl über 5000 Liter Dünnbier braute, kümmerte sich Luther um den Wein und hatte dafür auch ein Argument aus der Bibel: »Der Wein ist gesegnet und hat das Zeugnis in der Schrift. Das Bier dagegen ist menschliche Tradition.« So sehr er das Bier seiner Frau schätzte, er scheint doch eine besondere Vorliebe für Wein gehabt zu haben. Denn Luther betrieb einen eigenen Weinanbau mit mindestens 600 Weinstöcken. 1544 bemühte er sich, Weinpfähle aus Pirna zu bekommen, um die Rebstöcke hochbinden zu können. Dass es hier eine Arbeitsteilung im Hause gab, lässt sich aus einem Brief entnehmen, den Luther aus Dessau 1534 an seine Frau schickte: »Und du tätest wohl, dass du mir herüberschicktest den ganzen Keller voll meines Weins und eine Flasche deines Biers, so bald du kommst.«

Das Ehepaar Luther gärtnerte ganz offensichtlich mit großer Leidenschaft, natürlich auch um die zahlreichen Gäste und den großen Haushalt zu verköstigen. Katharina, Luthers »Herr Käthe«, war auf Eigenversorgung bedacht, wie sie selbst in einem ihrer wenigen überlieferten Briefe schreibt: »Damit ich meine Haushaltung und das Vieh desto bequemer erhalten kann, weil man alles aufs Teuerste kaufen muss.« So nutzte sie auch die einzige Möglichkeit, mit einheimischen Mitteln zu süßen: Sie betrieb eine Bienenzucht. Aus dem Wachs der Waben ließen sich außerdem Kerzen herstellen.

Was würden die beiden dazu sagen, dass heute in Wittenberg Tomaten, Paprika und Erdbeeren unter Luthers Namen angebaut und verkauft werden? Vielleicht: Samen her, das machen wir selber!

Der Autor ist Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt.

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