Wenn die Dornenkrone kommt

Corona: Mit der Virus-Bedrohung gehen große Ängste einher. Der Mensch steht plötzlich stärker als zuvor vor möglichen Leiden und der Begrenztheit seiner Mittel. Das Leiden Christi zeigt einen Weg.
Von Stefan Seidel
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Die diesjährige Passionszeit ist plötzlich zu einer wirklichen Passionszeit geworden. Diesmal ist keine künstliche Fastenaktion nötig, um sich einzuüben in den Umgang mit Entbehrung und Leiden. In Gestalt des Coronavirus ist uns die Passion auf den Leib gerückt. Er lähmt das öffentliche Leben, führt zu zahlreichen Verzichten ­und konfrontiert uns mit existenziellen Ängsten: mit der Möglichkeit des Einbruchs von Krankheit und Sterben in das Leben.

Derzeit muss viel losgelassen werden an eigenmächtiger Absicherung des Lebens, an selbstbestimmter Gestaltung des Alltags, an Arbeit, an Einflussmöglichkeit, an gottesdienstlichem Leben und sozialer Nähe. Der brasilianische Theologe Christian Dunker verglich in einem Artikel vergangene Woche den Coronavirus (»Kronen-Virus«) mit der Dornenkrone Christi. Diese Dornen-Corona führe die Menschen in die rar gewordene Haltung der Demut: Dass erkannt wird, dass wir viel weniger können als wir denken und dass wir das Unwägbare, das unser Leben regiert, akzeptieren. Wir sollen das, was wir nicht zu beherrschen vermögen, mit Demut begrüßen und lernen, dass wir Menschen nicht gekrönt sind mit einer triumphalen Allmachts-Krone, sondern mit einer demütigen Dornenkrone, so Dunker.

Doch wie trägt man eine Dornenkrone? Wie geht man mit Unwägbarkeit, Bedrohung, Ausgesetztsein, Angst, Krankheit, Leiden und Sterben um? Wird denn in dieser plötzlich real gewordenen Passionszeit auch sichtbar, was trägt und erlöst? Es scheint, als sei das Wissen um die wirkliche Bewältigung dieser Daseinsrisiken geschwunden. Vielleicht, weil lange keine großen Kriege, Krisen und Bedrohungen so nahe waren? Vielleicht, weil es lange so aussah, als könne der Mensch tatsächlich aus eigenen Kräften das Leben und Leiden meistern, beständig verbessern, verlängern, absichern? Vielleicht, weil das Religiöse weitgehend abhanden gekommen ist?

Plötzlich, so will es scheinen, klingt das Passionsdrama Christi nicht mehr so fern und fremd, als dass es kaum mehr etwas mit uns Heutigen zu tun hätte. »Wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / kraft deiner Angst und Pein«, so Paul Gerhardt in seinem Choral »O Haupt voll Blut und Wunden«. Es scheint, als könne allein dieses Sich-in-die-Arme-Christi-Werfen noch retten.

Denn Christus hat die Nacht durchschritten, den Weg gebahnt. Es gibt seither keinen Ort mehr – und sei er noch so leidvoll –, den er nicht durchschritten und erlösend verwandelt hat. Er ist der Bahnbrecher. Und mit ihm kommen auch wir durch. Er geht seither mit durch jede Nacht. »Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, / kann unsre Nacht nicht traurig sein.« Diese alte Botschaft darf die Kirche heute bezeugen: Dass gerade in der Nacht der Angst und des drohenden oder eingetretenen Leidens ein Ausstrecken nach der Überwinderkraft Christi retten kann. In allem Dunkel kann dann eine Verwandlung des Selbstbewusstseins in ein Gottesbewusstsein stattfinden. Der Kreuzweg ist ein Weg in die Tiefe der Gottesverbundenheit, der in der Erlösung mündet.

Martin Luther hat darauf gedrungen, sich im Leiden in das Erlöserbild Christi hineinzusteigern, mit diesem zu verschmelzen, um mit und durch Christus die eigene Angst und Pein zu bestehen. In einer Passionspredigt sagte er: »Wenn du nachhaltig dein Elend in Christi Leiden erkännest, würde dir Demut, Sanftmut, Milde und Verachtung der Welt leicht sein und du würdest gern Christus in allem seinen Leiden nachfolgen.«

Die große Aussicht der Passion ist: Sie mündet in Ostern. Und diese Aussicht sollte bei aller Nacht, die gegenwärtig herrscht, leuchtend und leitend sein: Die Auferstehung in ein neues Leben, diesseits und jenseits der Todesgrenze. Das »Christ ist erstanden …« ist schon angestimmt. Es gilt uns.

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