96

Willkommen in Heidenau

Schlachten mit der Polizei, Hass auf Flüchtlinge – nicht nur die Kanzlerin schämt sich für Heidenau. Christen der Stadt sind erschüttert – und reichen Asylbewerbern die Hand.
Andreas Roth
  • Artikel empfehlen:
Ein Licht als Zeichen des Friedens überreicht Margret Geißler drei Syrern vor der Heidenauer Flüchtlingsunterkunft, nachdem hier die drei Nächte zuvor Hass und Gewalt regierten. © Steffen Giersch

Sie kommen mit Kerzen. Nach den Krawallen, den Steinen und Böllern, nach dem Hass und dem Entsetzen. Mit Kerzen. Verloren stehen Margret Geißler und ihre Mutter Heidi zwischen bunthaarigen Linken, Polizisten und Journalisten an der Einfahrt zum wohl bekanntesten Baumarkt Deutschlands, der jetzt gut 300 Flüchtlinge beherbergt. Ziehen ihre Kerzengläser aus dem Beutel. Und legen sie wieder zurück.

Heidenau, Montagabend. Über die Industriestadt scheint ein Welle gerollt zu sein: Erst die der rechtsextremen und später auch linksextremen Gewalt in den Nächten zuvor mit über 30 verletzten Polizisten, dann die der Schande. Es trifft mitten in die Seele der Stadt. Wie offen sie liegt, zeigt sich, als Margret und Heidi Geißler zwei Stunden zuvor in die Heidenauer Christuskirche zum eilig einberufenen Friedensgebet gehen.

Alle Bänke sind besetzt, voll und innig ist der Gesang: »Herr, gib uns deinen Frieden«. Auf kleinen Zetteln notieren die Christen und Nicht-Christen, was sie bewegt: Gott, ich bin traurig, dass uns Menschen, die aus Not zu uns kommen müssen, so wenig willkommen sind. Herr, warum greift Verblendung so um sich? In Heidenau ist Platz für alle, auch für Flüchtlinge.

Als Margret Geißler und ihre Mutter am Parkplatz vor der Flüchtlingsunterkunft ankommen, lehnt ein Mann auf seinem Fahrrad. Die Sonnenbrille ins weiße Haar gesteckt, observiert er den Baumarkt. In Dresden und Freital hätten Supermärkte wegen stehlender Asylbewerber schon dichtgemacht, weiß er zu berichten. Jetzt liegt er auf Wacht. Ob er selbst schon solche Taten beobachtet hat? Nein, das nun nicht.

»Aber die überfluten uns doch!«, ruft der Alte. Seine Augen leuchten plötzlich. Er fühle sich wie damals beim Arbeiteraufstand 1953.

Die Heidenauer Pfarrerin Erdmute Gustke weiß, dass es auch in ihrer Gemeinde bei manchen Feindseligkeit gibt, aber ebenso Ängste. Auch für sie hat sie mit ihren katholischen und freikirchlichen Kollegen das Gebet am Montagabend gedacht. Doch die Gebete auf den kleinen Zetteln, die vorm Altar verlesen werden, sagen anderes: Gott, ich klage, dass Angst das Handeln bestimmt. Ich beklage die Enttäuschung über Bekannte und Bürger dieser Stadt. Meine Eltern waren auch Flüchtlinge. Herr, warum nur gibt es so viel Not und Ungerechtigkeit in der Welt?

Vor dem ehemaligen Baumarkt sehen Margret Geißler und ihre Mutter einen Bus mit neuen Flüchtlingen ankommen. Neben ihnen berichtet ein syrisches Ehepaar vor Kameras, wie drangvoll für Muslime die Enge von hunderten Männern und Frauen in einer Halle sei. Aus einem vorbeifahrenden Auto grölen junge Männer.

Wenn in den Berichten über Heidenau über die Mitte der Gesellschaft geschrieben wird, dann ist sie an diesem Abend auch in der Christuskirche zu finden: Frauen mit Dutt und Kaltwellen, junge Mütter mit Babys, würdige Bärte und Kleingärtner. Auf ihren Zettelchen vorm Altar beten sie: Herr, ich fühle mich dem Hass, der Dummheit und der Gewalt gegenüber oft ohnmächtig. Herr, gib den Anständigen den Mut aufzustehen und klare Kante zu zeigen.

Dann zünden sie Kerzen an. Und sammeln Geld für einen Asylfonds der Kirchgemeinde für schnelle Hilfe in Flüchtlingsnot.

Der Abend senkt sich herab über dem Baumarkt-Heim und die Kerzen von Margret und Heidi Geißler sind noch immer unangezündet. Als drei schmale Syrer mit Einkaufsbeuteln auf den Eingang im mit Planen verhüllten Bauzaun zusteuern, fassen sie sich ein Herz. Entfachen mit einem Feuerzeug das Licht, treten auf die Männer zu und reichen es ihnen: »Nehmen Sie das mit als Symbol, dass Sie willkommen sind«, sagt die junge Frau auf Englisch. Die Syrer verstehen erst nicht, dann lachen sie herzlich. »Herzlich Willkommen«, sagt die Mutter auf Deutsch.

In dieser Nacht bleibt es friedlich.

Diskutieren Sie mit

96 Lesermeinungen zu Willkommen in Heidenau
Johannes schreibt:
27. August 2015, 22:14

Maybritt Illner einschalten, dort ist auch der besorgte Bürger!!!

Lutz Schuster schreibt:
27. August 2015, 22:41

Nach Katrin Göring-Eckhard und Sascha Lobo ist nun jeder Rassist oder Völkisch der auch nur Wörter wie Asylmissbrauch oder Völkerwanderung auch nur in dem Mund nimmt. Zum Glück ließ Maybritt Illner auch Joachim Herrmann (CSU) zu Wort kommen.

Beobachter schreibt:
28. August 2015, 7:16

Lieber Herr Schuster,
ich guck mir sowas schon gar nicht mehr an.Habe zufällig die "Gästeliste" gesehen, da wurde mir vorher schon schlecht vor soviel "Ergebnisoffenheit"! Beio den meisten davon kommt doch schon kein vernünftiges Wort mehr raus, nur blanke Hetze gegen selbständig Denkende (Pack usw.)! Man fragt sich wirklich, wissen die das wirklich nicht besser oder wollen sie uns (das Volk) nur für dumm verkaufen? Genau solche Sendungen und die Äußerungen der Typen dort zeigt immer wieder, wie wichtig Pegida ist. Genau durch solchen Unsinn werden die Leute wach, gehen (immer mehr!)dagegen spazieren oder verfallen rechten und linken Rattenfängern!
Gruß

Beobachter schreibt:
28. August 2015, 7:18

P.S. Schlimm ist ja, daß sowas von bestimmten Typen hier (Sie wissen schon, wen ich meine!) noch gefeiert wird!

Robert schreibt:
28. August 2015, 12:17
Beobachter schreibt:
28. August 2015, 15:42

Postillonleser haben natürlich die besten Argumente und nachhaltige Lösungen!

Opinion control schreibt:
28. August 2015, 16:00

widerlicher + menschenverachtender artikel. und am thema vorbei. 6 - setzen.

Gast schreibt:
28. August 2015, 16:33

Finden Sie wirklich? Na, dann ist ja bei Ihnen noch Hoffnung.

Robert schreibt:
28. August 2015, 14:10

Seiten

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Chemnitz
  • Orgelkonzert
  • Ev.-Luth. St.-Andreas-Kirche Gablenz
  • , – Dresden
  • Gottesdienst
  • Kreuzkirche
  • , – Leipzig
  • Festgottesdienst
  • Apostelkirche Großzschocher
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
»Wir begrüßen es, dass Lehrern an staatlichen Schulen nun die Möglichkeit der Verbeamtung geboten wird« steht im Bl… https://t.co/1QzFEsqM5r
vor 2 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Schulstiftung der @evlks begrüßt Verbeamtung von Lehrern in #Sachsen, owohl es freie Schulen benachteiligt.… https://t.co/gfaAypcjhb
vor 2 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
@PeterMaffayDX beklagt die »ewige Angst der Deutschen«. »Wir sollten froh sein, dass die Mauer ohne einen Schuss g… https://t.co/t60P6a0jCH
vor 22 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
#Bachdenkmal und andere Denkmäler in #Leipzig beschädigt. https://t.co/TYucm27rkT
vor 23 Tagen