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Willkommen in Heidenau

Schlachten mit der Polizei, Hass auf Flüchtlinge – nicht nur die Kanzlerin schämt sich für Heidenau. Christen der Stadt sind erschüttert – und reichen Asylbewerbern die Hand.
Andreas Roth
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Ein Licht als Zeichen des Friedens überreicht Margret Geißler drei Syrern vor der Heidenauer Flüchtlingsunterkunft, nachdem hier die drei Nächte zuvor Hass und Gewalt regierten. © Steffen Giersch

Sie kommen mit Kerzen. Nach den Krawallen, den Steinen und Böllern, nach dem Hass und dem Entsetzen. Mit Kerzen. Verloren stehen Margret Geißler und ihre Mutter Heidi zwischen bunthaarigen Linken, Polizisten und Journalisten an der Einfahrt zum wohl bekanntesten Baumarkt Deutschlands, der jetzt gut 300 Flüchtlinge beherbergt. Ziehen ihre Kerzengläser aus dem Beutel. Und legen sie wieder zurück.

Heidenau, Montagabend. Über die Industriestadt scheint ein Welle gerollt zu sein: Erst die der rechtsextremen und später auch linksextremen Gewalt in den Nächten zuvor mit über 30 verletzten Polizisten, dann die der Schande. Es trifft mitten in die Seele der Stadt. Wie offen sie liegt, zeigt sich, als Margret und Heidi Geißler zwei Stunden zuvor in die Heidenauer Christuskirche zum eilig einberufenen Friedensgebet gehen.

Alle Bänke sind besetzt, voll und innig ist der Gesang: »Herr, gib uns deinen Frieden«. Auf kleinen Zetteln notieren die Christen und Nicht-Christen, was sie bewegt: Gott, ich bin traurig, dass uns Menschen, die aus Not zu uns kommen müssen, so wenig willkommen sind. Herr, warum greift Verblendung so um sich? In Heidenau ist Platz für alle, auch für Flüchtlinge.

Als Margret Geißler und ihre Mutter am Parkplatz vor der Flüchtlingsunterkunft ankommen, lehnt ein Mann auf seinem Fahrrad. Die Sonnenbrille ins weiße Haar gesteckt, observiert er den Baumarkt. In Dresden und Freital hätten Supermärkte wegen stehlender Asylbewerber schon dichtgemacht, weiß er zu berichten. Jetzt liegt er auf Wacht. Ob er selbst schon solche Taten beobachtet hat? Nein, das nun nicht.

»Aber die überfluten uns doch!«, ruft der Alte. Seine Augen leuchten plötzlich. Er fühle sich wie damals beim Arbeiteraufstand 1953.

Die Heidenauer Pfarrerin Erdmute Gustke weiß, dass es auch in ihrer Gemeinde bei manchen Feindseligkeit gibt, aber ebenso Ängste. Auch für sie hat sie mit ihren katholischen und freikirchlichen Kollegen das Gebet am Montagabend gedacht. Doch die Gebete auf den kleinen Zetteln, die vorm Altar verlesen werden, sagen anderes: Gott, ich klage, dass Angst das Handeln bestimmt. Ich beklage die Enttäuschung über Bekannte und Bürger dieser Stadt. Meine Eltern waren auch Flüchtlinge. Herr, warum nur gibt es so viel Not und Ungerechtigkeit in der Welt?

Vor dem ehemaligen Baumarkt sehen Margret Geißler und ihre Mutter einen Bus mit neuen Flüchtlingen ankommen. Neben ihnen berichtet ein syrisches Ehepaar vor Kameras, wie drangvoll für Muslime die Enge von hunderten Männern und Frauen in einer Halle sei. Aus einem vorbeifahrenden Auto grölen junge Männer.

Wenn in den Berichten über Heidenau über die Mitte der Gesellschaft geschrieben wird, dann ist sie an diesem Abend auch in der Christuskirche zu finden: Frauen mit Dutt und Kaltwellen, junge Mütter mit Babys, würdige Bärte und Kleingärtner. Auf ihren Zettelchen vorm Altar beten sie: Herr, ich fühle mich dem Hass, der Dummheit und der Gewalt gegenüber oft ohnmächtig. Herr, gib den Anständigen den Mut aufzustehen und klare Kante zu zeigen.

Dann zünden sie Kerzen an. Und sammeln Geld für einen Asylfonds der Kirchgemeinde für schnelle Hilfe in Flüchtlingsnot.

Der Abend senkt sich herab über dem Baumarkt-Heim und die Kerzen von Margret und Heidi Geißler sind noch immer unangezündet. Als drei schmale Syrer mit Einkaufsbeuteln auf den Eingang im mit Planen verhüllten Bauzaun zusteuern, fassen sie sich ein Herz. Entfachen mit einem Feuerzeug das Licht, treten auf die Männer zu und reichen es ihnen: »Nehmen Sie das mit als Symbol, dass Sie willkommen sind«, sagt die junge Frau auf Englisch. Die Syrer verstehen erst nicht, dann lachen sie herzlich. »Herzlich Willkommen«, sagt die Mutter auf Deutsch.

In dieser Nacht bleibt es friedlich.

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96 Lesermeinungen zu Willkommen in Heidenau
Beobachter schreibt:
01. September 2015, 17:27
Lutz Schuster schreibt:
01. September 2015, 18:44

MASSENSCHLÄGEREI IN ASYLHEIM HEIDENAU, wegen der bisherigen Berichtserstattung aus Heidenau sollte es erwähnt werden:
https://mopo24.de/#!nachrichten/massenschlaegerei-in-asylheim-heidenau-1...

Anderer Gast schreibt:
02. September 2015, 0:46

Die CDU hat es wohl endlich begriffen. Die Rassisten werden es auch begreifen (noch langsamer). Und auch die hier mitschreibenden Flüchtlingsfeinde von der B-Fraktion (Beobachter, Bastl, Britta; komisch: alles Ossis). Wer so etwas unterstützt oder auch nur relativiert, hat den Grundkonsens der Demokraten verlassen und wird weiter mit entschiedenem Widerstand rechnen dürfen. Vielleicht auch von unserem neuen Landesbischof.
Leipzig zeigt, wie's geht!!

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sachsen-stanislaw-tillich-veru...

"Eine enthemmte Minderheit besudelt und beschämt unser ganzes Land. Rassisten und Staatsfeinde haben Mitmenschen angegriffen, terrorisiert und verängstigt." (St. T.)

Und das war nicht die Antifa!

alte Bekannte schreibt:
02. September 2015, 7:30

Den Grundkonsens der Demokratie und des Rechtsstaates haben die verlassen, die auf eine immer selektivere Exekutive bestehender Gesetze pochen (bei Demos, bei Abschiebungen etc.)! Die ihnen nicht passende sachliche Kritik diffamierend in einen Topf mit Extremistenkämpfen werfen!
Sie haben es alle bloß nicht begriffen und bemänteln die Zerstörung unserer Zivilgesellschaft mit "Nächstenliebe". Jeder, der sich kritisch äußert oder konkrete Vorschläge macht, ist jetzt im Orwellschen Neusprech ein "Flüchtlingsfeind" (dabei sind die Personen, um die es geht, keine Flüchtlinge laut Definition der EKD) oder Rassist (sein wann ist Islam eine Rasse?).
Guten Morgen, liebe Leute, es ist Krieg: http://calhoun.nps.edu/bitstream/handle/10945/11515/SI_V9_I1_2010_Greenh...
Hinzu kommt Antifa + krätige Flüchtlinge gegen den sächsischen Innenminister und gegen Neonazis und Bürger. Schlimm, daß nur die Extremisten den Bürgern das Gefühl vermitteln, ernst genommen zu werden. Wenn der trotz exorbitanter Steuern auf Kosten unserer Nachfahren schuldenfinanzierte Wohlfahrtsstaat zusammenbricht, was jetzt nur noch eine Frage der Zeit ist, haben wir dann flächendeckend Pariser Vorstadtverhältnisse, aber wenigstens mit dem Segen der allerchristlichsten Christen hier! Danke, danke, danke an alle Gäste, die heutzutage nichtmal mehr eine Einladung brauchen, sondern sich zur Not gewaltsam Zutritt ins Haus verschaffen. Und vielleicht wird dann Deutschland endlich ausgelöscht, wie es in den feuchten Träumen der mehr oder weniger ungehemmt mit der militanten Antifa sympathisierenden erscheint. Ist doch allerchristlichst, sich so einen Multikultischmelztiegel unter Federführung des Islam mitten in Europa zu wünschen, ist doch eine gerechte Strafe für die westliche Welt. Das wird aber die ganz westliche Welt nicht an ihrer Außenpolitik hindern.

Beobachter schreibt:
02. September 2015, 12:35

+++ Kommentar wurde von der Redaktion gelöscht. Sollten Sie sich nicht an unsere Nutzungsbedingungen halten, werden wir Verfasser, die gegen diese verstoßen, sperren. +++

Leser schreibt:
02. September 2015, 13:53

Wenn es noch eines Beweises des Rassismus bedurft hätte, dann steht er hier. Widerlich.

Gast2 schreibt:
02. September 2015, 15:17

seit wann ist Islam eine Rasse?

Beobachter schreibt:
02. September 2015, 15:28

Gute Frage! Aber so einfach machen sich das eben Einige!

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