Gnade uns Gott

Buß- und Bettag: Obwohl der alte kirchliche Herbstbußtag in Sachsen Feiertag ist, können viele Zeitgenossen nur wenig mit ihm anfangen. Dabei geht es um die Verteidigung der Gnade in einer kalten Welt.
Von Stefan Seidel
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Am kommenden Mittwoch erscheint der Freistaat Sachsen wieder wie ein gallisches Dorf in der Bundesrepublik. Denn er ist das einzige Bundesland, das noch am Buß- und Bettag als gesetzlichem Feiertag festhält.

Gleichwohl dürfte die Mehrheit der sächsischen Bevölkerung kaum mehr etwas mit diesem Feiertag mit dem strengen Namen anzufangen wissen. Das zeigt zum Beispiel das mittlerweile zur eigenen Tradition gewordene »Ritual« vieler Sachsen, die gewonnene freie Zeit am Buß- und Bettag für einen Ausflug in die Einkaufszentren des benachbarten Sachsen-Anhalt zu nutzen. Doch die Kirchen feiern Gottesdienste und halten wie eine kleine klösterliche Minderheit in glaubensloser Umgebung den Gedanken der Notwendigkeit eines Lebens aus der Gnade Gottes aufrecht – und erinnern damit an das Angewiesensein aller Menschen auf Gnade.

Es wird an diesem Tag deutlich: Trotz des gesetzlich garantierten Feiertages sind und bleiben die Christen hierzulande eine kleine Minderheit, die ihren Glauben in einem weitgehend säkularisierten Umfeld leben und behaupten muss. Dabei verbindet sich am Herbstbußtag auch Dankbarkeit und Erleichterung darüber, dass die Ausübung der Religion heutzutage staatlich gefördert und garantiert ist.

Vielen Christen, die bereits in der DDR ihren Glauben gelebt haben, dürfte der Buß- und Bettag noch als zeichenhafter Widerspruch gegen ideologische Irrwege in Erinnerung sein. Als beispielsweise 1978 vom SED-Staat der Wehrkundeunterricht eingeführt wurde – eine offene Provokation in Richtung der Kirche und eine weitere Maßnahme zur Durchmilitarisierung der Gesellschaft –, haben viele evangelische Kirchen am Herbstbußtag 1978 zum Friedensgebet aufgerufen und parallel zu den um 13 Uhr ertönenden Sirenen des Probealarms ihre Glocken geläutet. Unter anderem durch solche zeichenhaften Aktionen gehört der Buß- und Bettag gewissermaßen zur DNA hiesiger Christen verwurzelt.

Andererseits befindet man sich heute – trotz des staatlich garantierten Feiertags – doch wieder als kleine Gruppe am Rand der Gesellschaft: man begeht einen weitgehend fremd gewordenen Feiertag und hantiert mit unverständlich gewordenen Begriffen wie Buße, Sünde, Beichte und Vergebung. Doch möglicherweise wird gerade an diesem Feiertag sichtbar, dass die Christen gewissermaßen auch stellvertretend für die ganze Gesellschaft beten und mit der Not dieser Zeit vor Gott treten. Buß- und Bettag heißt: das vor Gott zu bedenken, was falsch läuft im Großen wie im Kleinen. Dass die zunehmende Zerrissenheit der Gesellschaft vor Gott gebracht und die Verstrickung in falsches Leben bewusst gemacht wird, um von Gott eine Heilung zu erbeten. Für die glaubenslose Mehrheitsgesellschaft könnte das ein Zeichen sein: in der Kirche brennt noch Licht, es gibt noch einen Ort, an dem nicht allein das Konsumieren, das Konkurrieren, das Streben nach größtmöglichem eigenen Nutzen und das Aufbauen von Feindseligkeiten zählt. Alte Lieder und Gebete werden bewahrt und durchgehalten, um etwas göttliche Wärme in die Welt abzustrahlen und eine Tür offenzuhalten für die Wirklichkeit des Getragenseins durch eine größere Liebe.

Das scheint der Auftrag der Christen heute zu sein: daran zu erinnern, dass man sich mit der himmelschreienden Not, Gewalt und Schöpfungszerstörung sowie den eigenen Verfehlungen nicht abfindet, sondern diese vor Gott bringt und von ihm heilende Wege erbittet – und dann auch beschreitet. Es ist wohl eine Art mönchische Aufgabe, das verlernte Beten und Tun des Gerechten stellvertretend für die Gesellschaft zu übernehmen und zu praktizieren, um den Funken der göttlichen Liebe in dieser oft so kalten Welt zu erhalten und vielleicht sogar zu einem wärmenden Feuer zu entfachen.

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